Kommentar zur TV-Sendung „Das Microsoft-Dilemma“: Die verpasste Gelegenheit

Kommentar zur TV-Sendung "Das Microsoft-Dilemma": Die verpasste Gelegenheit

Am Montagabend lief im Ersten die Reportage „Das Microsoft-Dilemma“. Sie sollte aufzeigen, dass die europäischen Staaten zu abhängig von Microsoft sind und sich zu wenig um Auswege aus dieser Situation gekümmert wird. Grundsätzlich eine gute Sache, es wurde jedoch leider zu viel Zeit mit Plattitüden verschwendet, außerdem strotzte der Beitrag nur so vor technischen Mängeln und falschen bzw. unvollständigen Darstellungen.

So wurde gleich zu Beginn der Schuldige für den Schädling „WannaCry“ genannt: Microsoft. Insoweit richtig, dass es eine Lücke in Windows war, die den Angriff ermöglichte. Wie ich jedoch schon im Vorbericht zur Sendung vermutet hatte, wurde kein Wort darüber verloren, dass WannaCry nur deshalb erfolgreich sein konnte, weil die betroffenen Systeme nicht mit den aktuellsten Sicherheitsupdates ausgestattet waren, oder weil Software genutzt wurde (Windows XP), die schon seit Jahren nicht mehr unterstützt wird.

Die dahinter stehende Botschaft ist unbestritten: Da im öffentlichen Sektor quasi ausschließlich Windows verwendet wird, kann ein erfolgreicher Angriff fatale Folgen haben. Das ist so, Punkt. Durch die Auswahl eines schlechten Beispiels hat man diesem Punkt allerdings direkt wieder seine argumentative Wirkung entzogen, und es kam von Anfang an der Eindruck auf, dass es nur darum gehen soll, auf einen Konzern einzuprügeln.

Als Ausweg aus diesem Dilemma wurde die Verwendung von Open Source angepriesen und dabei wurde einmal mehr das Märchen erzählt, dass diese per Definition sicherer sei, weil die weltweite Entwickler-Gemeinde Einblick hat und nach Sicherheitslücken suchen kann. Oder besser gesagt „könnte“, denn spätestens seit Heartbleed wissen wir, dass auch in Open Source Software jahrelang unbemerkte Sicherheitslücken stecken können.

Doch darum geht es gar nicht: Man kann die unbestreitbar vorhandenen Vorzüge von Open Source hervorheben, ohne dabei vom Pfad der Sachlichkeit abzukommen. Wenn man den Quellcode eines Dokuments von Libre Office und Microsoft Word nebeneinander legt und sagt „Guck, in Word steckt viel mehr Code, darum ist das unsicher“, dann ist das amüsant, rein mathematisch nach dem Gesetz der großen Zahl aber sogar noch irgendwie richtig.

Die Grenze zur unseriösen Berichterstattung wird allerdings überschritten, wenn man in der 45minütigen Sendung ein gefühltes Dutzend Mal betont: Microsoft gewährt keinerlei Einblicke in seinen Quellcode. Das ist nämlich schlicht falsch: Staatlichen Organisationen wird sehr wohl Zugriff auf den Quellcode gewährt, sie müssen dafür nicht mal nach Amerika fliegen, sondern können das Microsoft Transparency Center in Brüssel besuchen. Den Machern der Reportage in diesem Punkt schlampige Recherche zu unterstellen, würde sie in ein zu gutes Licht stellen. Die haben das natürlich gewusst, aber vorsätzlich unterschlagen.

Das sind jetzt nur zwei Beispiele – man könnte noch erwähnen, dass Linux als Alternative zu Windows angepriesen wurde, ohne zu erwähnen, dass es „das Linux“ eigentlich gar nicht gibt und man sich bei einer Abkehr von Windows ebenso um einen kommerziell arbeitenden Partner bemühen müsste, der Support garantiert, entsprechende SLAs zusichert und so weiter. Ob man so tatsächlich eine bunte Software-Vielfalt bei den Behörden etablieren könnte, oder ob es am Ende auch nicht wieder darauf hinaus liefe, dass man genau einen Anbieter hat, damit alles schön einheitlich ist und zusammenpasst?

Sei’s drum. In dem Mantra „Microsoft bööööse, Open Source guuuut“, welches die gesamte Sendung überstrahlte, gingen wichtige Kritikpunkte beinahe unter. Zum Beispiel der, dass die Verträge, die Regierungen mit Microsoft abschließen, nicht transparent sind, weil entscheidende Passagen vor der Veröffentlichung geschwärzt werden.

Man will sich nicht in die Karten schauen lassen. Ein möglicher Grund wäre, dass Microsoft Konditionen gewährt, nach denen sich manch anderer kommerzieller Kunde die Finger leckt. Aber das sollte deren Problem sein. Wenn man sich in eine solche Abhängigkeit von einem Hersteller begibt, dann muss man maximal transparent sein. Da darf man auch mal Kante zeigen und sagen „Microsoft, nicht nur wir hängen an euch, sondern auch ihr an uns. Wir bescheren euch Milliarden, also tanzt gefälligst nach unserer Pfeife, sonst schauen wir wirklich mal nach Alternativen“.

Genau das wird nicht getan, und das hätte diese Sendung viel stärker in den Fokus stellen sollen. Microsoft kann sein Behörden-Monopol nicht deshalb aufrecht erhalten, weil sie so böse und gnadenlos sind, sondern weil man es ihnen so einfach wie nur möglich macht.

Mich hätte brennend interessiert, wie intensiv das nicht erwähnte Transparency Center denn tatsächlich genutzt wird? Ich habe nämlich schlimmste Befürchtungen, und ich hätte gerne gesehen, dass man die Verantwortlichen vor laufender Kamera fragt, warum sie ihren Job nicht machen und der von ihnen genutzten Software kritisch auf den Zahn fühlen? Stattdessen musste ich peinlich berührt mit ansehen, wie jemand gefragt wurde, warum bei der Neubeschaffung von Windows-PCs nur Microsoft-Software in der Auswahl ist.

Schade, da wäre mehr drin gewesen.

 

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Martin Geuß
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Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!
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