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Mehr Firefox, mehr KI, weniger anderes: Ein Blick auf die aktuelle Strategie von Mozilla

Mehr Firefox, mehr KI, weniger anderes: Ein Blick auf die aktuelle Strategie von Mozilla

Momentan ist bei der Mozilla Corporation Einiges in Bewegung. Mit Laura Chambers gibt es zunächst für dieses Jahr eine neue Chefin, die Mozilla-Urgestein Mitchell Baker in dieser Position ablöst. Gravierender sind aber die strategischen Entscheidungen, die Mozilla parallel zum angekündigten Stellenabbau vorgenommen hat. Während Firefox und Künstliche Intelligenz mehr Ressourcen bekommen, haben diverse Services nun das Nachsehen. Was bedeutet das für die Zukunft?

Bestimmte Punkte waren dabei zu erwarten, wenn man bedenkt, dass auch ein um Welten größeres Unternehmen wie Microsoft ähnliche Schlussfolgerungen aus der aktuellen wirtschaftlichen Lage gezogen hat. Die Einstellung von Mozilla Hubs und damit der bisherigen Bemühungen im Bereich Mixed Reality steht dafür symbolisch und erinnert in gleicher Weise an Microsoft, die mit Windows Mixed Reality selbst einmal mehr gescheitert sind. Gleichzeitig ist das Engagement bei Mastodon zwar löblich, bringt aber kein Geld in die Kasse. Den Aufwand hier zu reduzieren und die mobile Entwicklung auszulagern – auf Android durch das neue Firefly-Projekt, auf iOS und iPadOS durch die Unterstützung von Mammoth -, ist deswegen nur folgerichtig.

Firefox on the Edge

Differenzierter muss man auf die Tatsache blicken, dass Firefox wieder mehr in den Fokus der Entwickler rücken soll. Dass der Browser überhaupt mehr Aufmerksamkeit braucht, wirkt dabei etwas überraschend, denn technisch haben die Entwickler in den vergangenen Jahren eigentlich Vieles richtig gemacht. Zahlreiche neue Funktionen wie Firefox View, der Übersetzer Firefox Translations, der ständig verbesserte Trackingschutz, die Aufwertungen vom PDF-Betrachter pdf.js oder das neue Werkzeug zum Melden von inkompatiblen Websites sollen hier nur mal exemplarisch erwähnt werden, andere wie die neue Tablet-Oberfläche unter Android sind in Arbeit.

Ähnlich wie bei Edge, auch wenn Mozilla für Firefox zumindest bisher andere Ansätze wie die der Tochter Fakespot verfolgt, trägt man damit letztlich auch dem aktuellen Hype rund um Künstliche Intelligenz damit Rechnung. Mittlerweile ist Edge mit der Integration von Microsoft Copilot nicht mehr alleine, auch Konkurrenten wie Opera mit Aria oder Brave mit Leo haben KI-Assistenten in den Browser gebracht. Gut möglich, dass Mozilla für Firefox einen ähnlichen Plan verfolgt, wenn das Experiment mit MemoryCache erfolgreich ist.

Betrachtet man die aktuelle Situation am Markt, stechen Microsoft Edge und Mozilla Firefox momentan heraus, weil die Ansätze und (möglichen) Integrationen wesentlich umfassender sind als bei den Konkurrenten. Edge setzt ja auch nicht nur auf Copilot, sondern verfügt auch über andere Werkzeuge wie die Integration von Designer in der Seitenleiste. Trotzdem muss man bei Mozilla mal wieder eine Frage stellen, die auch bei den Abomodellen und dem Willen zur Diversifizierung wieder angezeigt ist: Wie nachhaltig ist das Ganze jetzt eigentlich?

Die Seuche mit den Services

Dass das finanzielle Schicksal der Mozilla Corporation buchstäblich am Tropf der Standardsuchmaschine und damit vor allem an Google hängt, ist eine altbekannte Kritik und führte seinerzeit auch zu den Bemühungen der Verantwortlichen, die eigenen Einnahmequellen durch neue Abodienste zu verbreitern. Neben dem bereits existierenden Pocket Premium folgten bald weitere Dienste wie Firefox Relay, Mozilla VPN oder Mozilla Monitor Plus, wo genau jetzt die entsprechenden Investitionen zurückgefahren werden.

Der Kollege Sören Hentzschel hatte die Gesamtsituation in einem Blogpost aus der vergangenen Woche eigentlich sehr schön zusammengefasst, als er schrieb:

“Wie sich das Ganze konkret auswirken wird, bleibt abzuwarten. Während sich einige Firefox-Fans darüber freuen werden, dass der Browser als Hauptprodukt einmal mehr einen stärkeren Fokus erhalten soll, klingt dies gleichzeitig nach einem signifikanten Strategiewechsel, der eine Diversifizierung der Einnahmequellen nicht länger priorisiert.”

Während die Auswirkungen sich noch zeigen müssen, muss man als Nutzer die Frage stellen, wer aufgrund der Fragezeichen jetzt eigentlich noch gewillt sein soll, sich längerfristig mit einem Abo an Mozilla zu binden. Mozilla zeigt hier – wieder einmal – das Problem der fehlenden Konstanz und Verlässlichkeit, sobald in irgendeiner Form ein größeres Hindernis auftaucht. Sie schreiben selbst in besagter Memo:

“Wir reduzieren die Investitionen in einige unserer eigenständigen Verbraucherprodukte im Bereich Sicherheit und Datenschutz. Wir reduzieren unsere Investitionen in Marktsegmenten, die von Wettbewerbern verdrängt werden und in denen es schwierig ist, ein differenziertes Angebot zu liefern. Konkret planen wir, unsere Investitionen in VPN, Relay und Online Footprint Scrubber zu reduzieren. Wir werden weiterhin in Produkte investieren, die den Kundenbedürfnissen in wachsenden Marktsegmenten entsprechen.”

Das Ganze ist in zwei Bereichen mit anderen Mozilla-Projekten aus der Vergangenheit vergleichbar. Wenn es nur um die Online-Services geht, hinkt ein Vergleich mit Projekten wie Firefox Send und Firefox Notes zwar, weil gerade die Einstellung von Firefox Send (auch) andere sicherheitsrelevante Gründe hatte. Allerdings hat man auch vorher schon nicht wirklich versucht, etwas Gewinnbringendes aus den Ansätzen zu machen. Wenn wir von Investitionen reden, kommt wiederum Firefox OS ins Gedächtnis, weil man hier zumindest für die Hardware, worunter auch teure Smart TVs von Panasonic waren, auch Geld ausgegeben hatte.

Die Frage der Nachhaltigkeit

Eine gute Analogie zu dem Strategiewechsel von Mozilla lässt sich bei Microsoft mit dem Groove Music Pass finden. Während man bei Office 365 und dem Xbox Game Pass sicher sein konnte, dass man sein Geld hier in etwas Langfristiges investiert, war der Groove Music Pass gegenüber anderen Streamingdiensten wie Spotify schon damals hoffnungslos hinten und die Investition darin für jeden Microsoft-Fan ein Risiko. Was Satya Nadella dann entschieden hat, ist bekannt.

Folgt man der Argumentation von Mozilla an dieser Stelle, bleibt für die Nutzer, die jetzt noch Willens wären, in ein Abo aus Mountain View zu investieren, eigentlich nur Pocket Premium als sichere Bank. Mozilla erwähnt den Read-it-later-Dienst in seinen Plänen immerhin ausdrücklich und Pocket befindet sich mit Konkurrenten wie Instapaper von den Marktanteilen mindestens auf Augenhöhe. Auf der anderen Seite gibt es VPN-Anbieter wie Sand am Meer, etwas wie Firefox Relay braucht nicht jeder und dass das Unternehmen, nachdem Mozilla Monitor Plus (das ist mit Online Footprint Scrubber gemeint) gerade erst frisch neu gestartet wurde, gleich mal ankündigt, die Investitionen zurückzuschrauben, erweckt bei möglichen Kunden auch nicht unbedingt Vertrauen.

Ob es sich zugunsten von Firefox lohnt, an der Diversifizierung der Einnahmequellen zu sägen, ist die andere Frage. Den Zweikampf mit Microsoft kann Mozilla eigentlich nicht gewinnen, denn hinter Copilot steht neben Edge letztlich die geballte Macht des Microsoft-Ökosystems inklusive Microsoft 365 und natürlich Windows. Gleichzeitig hat Google seine Ellenbogen noch gar nicht ausgefahren und mit der großflächigen Integration von Gemini in Chrome begonnen. Vor dem Hintergrund, zumal es technisch für Firefox wirklich nicht schlecht läuft, wirken diese Entscheidungen einfach zu riskant.

Schlusswort

Bestimmte Produkte wie Mozilla VPN mögen in ihrem Marktsegment auf größere Konkurrenz treffen, aber jeder einzelne Abodienst repräsentiert am Ende momentan auch die einzige Möglichkeit, die eigenen Einnahmequellen abseits der Suchmaschine auf eine breitere Basis zu stellen. Dass Mozilla trotzdem so argumentiert, überrascht auch deswegen, weil das Ziel, es mit den Größeren aufzunehmen, schon seit jeher zur DNA von Firefox und Thunderbird gehörte. Wie nachhaltig die neuen KI-Abenteuer der Entwickler sind und ob sich die großen Worte nicht nachher doch wieder wie einst Firefox OS oder Mozilla Hubs im Sande verlaufen, muss man sehen, kann aber durchaus Fragezeichen dran machen.

Letztlich kann man auch argumentieren, dass Mozilla in bestimmten Bereichen bestimmte Potenziale ungenutzt liegen lässt, die sie gerade im Bereich der Produktivität heben könnten, wenn die Mozilla Corporation und MZLA Technologies Corporation im Bereich der Abodienste an einem Strang ziehen und sich die Einnahmen einfach 50:50 teilen würden. Einen Artikel aus Pocket per Mail in Thunderbird teilen? Eine PDF-Datei, die in Firefox bearbeitet wurde, direkt in Thunderbird Send hinterlegen und per Thunderbird als Anhang verschicken? Firefox Notes neu aufleben lassen und sowohl in die Seitenleiste von Firefox als auch in die Aufgaben bzw. den Kalender von Thunderbird integrieren? Nur drei Beispiele, die mir spontan einfallen würden.

Klar, die Mozilla Corporation und die MZLA Technologies Corporation sind komplett unabhängig voneinander und entscheiden eigenständig über ihre jeweiligen Strategien, aber dieses Beispiel zeigt eben auch, dass man Synergien heben kann, wenn man bei den Online-Diensten Kooperationen findet. Außerdem wäre es eine bodenständigere Alternative, als dass man im Bereich KI und Firefox nun noch mehr alles auf eine Karte setzt. So oder so bleibt eben die Frage, wie die Mozilla Corporation mit solchen Manövern wirklich Verlässlichkeit bei ihren Produkten neben Firefox ausstrahlen möchte, damit mögliche Nutzer wirklich mal längerfristig bei einem dieser Projekte hängen bleiben. Mit solchen Ankündigungen erweisen sie dem jedenfalls einen Bärendienst.

Über den Autor

Kevin Kozuszek

Kevin Kozuszek

Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden und habe in diesem Ökosystem meine digitale Heimat gefunden. Bei Dr. Windows halte ich euch seit November 2016 über alle Neuigkeiten auf dem Laufenden, die Microsoft bei seinen Open Source-Projekten und der Entwicklerplattform zu berichten hat. Regelmäßige News zu Mozilla und meinem digitalen Alltag sind auch dabei.

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