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Microsoft schützt das Produkt, an dem seine Zukunft hängt

Microsoft schützt das Produkt, an dem seine Zukunft hängt

„Linux ist ein Krebsgeschwür“ – dieses Zitat von Steve Ballmer kennt wohl jeder, der sich auch nur ein bisschen mit Microsoft beschäftigt hat. Wer es im Juni 2001 verpasst hat, als Ballmer diesen Satz gegenüber der Zeitung Chicago Sun aussprach, der hat spätestens in den letzten Jahren davon gehört. Immer dann, wenn sich das „neue Microsoft“ unter der Führung von Satya Nadella in Richtung Linux und Open Source öffnete, hat irgendjemand erwähnt: „Wisst ihr noch, was der Ballmer mal gesagt hat?“

Zur damaligen Zeit war der Satz aus der Sicht von Microsoft zutreffend, wenn auch reichlich pietätlos gegenüber Menschen, die tatsächlich an dieser entsetzlichen Krankheit leiden. Windows 2000 mit seinen brandneuen Server-Features wie zum Beispiel der Einführung von Active Directory war gerade mal zwei Jahre alt, und nachdem Microsoft den Internet-Zug zunächst verpasst hatte, versuchte man verzweifelt, im Bereich der Webserver ein Bein auf den Boden zu bekommen. Dort regierte Linux, und immer wenn sich ein Kunde entschied, statt Windows das kostenlose Linux einzusetzen, verlor Microsoft richtig viel Geld. Die Redmonder ärgerten sich aber nicht nur über entgangenen Umsatz, sondern beschuldigten die Open Source Community immer wieder, geistiges Eigentum zu missbrauchen.

Steve Ballmer tat, was damals für seinen Konzern das Richtige war: Er bekämpfte Linux, überzog Konkurrenten mit Patent- und anderen Klagen, um so das Geschäft mit Windows abzusichern. Das hat ja auch sehr lange richtig gut funktioniert. Als der Aufbruch ins Cloud-Zeitalter begann, wollte Ballmer Windows mitnehmen. Wir erinnern uns: Azure, Microsofts Cloud-Plattform, erblickte 2008 als „Windows Azure“ das Licht der Welt. Das wirkt im Rückblick schon beinahe befremdlich und amüsant.

Die Cloud ist das Internet, und das Internet läuft mit Linux. Es war ja schon beinahe naiv zu denken, man könne Windows, das quasi ein Synonym für On Premise ist, mit in die Cloud nehmen und sich dort ausbreiten.

Es wird oft diskutiert, ob Steve Ballmer in der Lage gewesen wäre, die selben Entscheidungen zu treffen wie Satya Nadella, und sich derart konsequent von alten Denkweisen zu verabschieden, die jahrelang prima funktioniert haben, es aber in Zukunft nicht mehr tun. Ich kann das nicht beantworten, Ballmer galt als Sturkopf, aber wenn er kein helles Köpfchen wäre, dann hätte er die Geschicke eines der weltweit größten Software-Unternehmen nicht so lange lenken können. Ich glaube, wenn Ballmer die selben Einsichten gehabt hätte, dann hätte er den Umbau von Microsoft noch radikaler und schneller vorangepeitscht als Nadella. Am allermeisten aber glaube ich: Er ist ganz glücklich damit, dass ihm diese Prüfung erspart geblieben ist.

Der Beitritt zum Open Invention Network unter Einbringung von 60.000 Patenten in die Open Source Community ist in der Tat nur der nächste logische Schritt, bleibt aber ob seiner Tragweite und seiner Dimension trotzdem eine Sensation. Natürlich war das kein Akt der Freundlichkeit, wie einige Kommentatoren zurecht anmerkten, hier geht es ums Geschäft und um harte Dollars. In der Cloud liegen ganze Schiffsladungen davon, und Microsoft möchte möglichst viele dieser Schiffe in den eigenen Hafen lenken. Das ist die Motivation hinter dieser Maßnahme, und dennoch ist es ein mehr als schöner Nebeneffekt, dass man sowohl bei Microsoft als auch bei vielen anderen Firmen nun viele Anwälte nach Hause schicken und sich wieder mehr auf das konzentrieren kann, was man eigentlich tun will: Gute Software für eine bessere Welt zu bauen.

Microsofts wichtigster Zukunftsmarkt ist die Cloud, und das wichtigste Betriebssystem in der Cloud ist Linux. Wenn sich Microsoft also schützend vor Linux stellt, dann beschützt es damit natürlich auch die Open Source Gemeinde, vor allen Dingen aber beschützt es damit das Produkt, an dem seine Zukunft hängt.

Microsoft und Linux – es fängt gerade erst an.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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