Microsoft und der Consumer: Wenn Adobe zum besten Beispiel wird
Erinnert man sich an Diskussionen in den vergangenen acht bis zehn Jahren, in welche Richtung sich Microsoft unter CEO Satya Nadella zunehmend entwickelt, gab es vor allem mit Blick auf die zunehmende Relevanz von Azure nur eine Antwort: Microsoft wird das neue IBM. Während man dem damals durchaus zustimmen konnte, stellt sich für mich heute eine Frage, die in der heutigen Zeit von KI und dergleichen immer relevanter wird: Ist Adobe nicht eigentlich das viel bessere Beispiel?
Der Gedanke kam mir am Wochenende, als ich auf meiner Runde durch YouTube mal wieder einige ältere Videos angeschaut habe und dabei auch auf diesen Beitrag des YouTubers Jazza wieder gestoßen bin, den ich euch hier auch einbinde. Nun ist Jazza nicht irgendjemand, sondern arbeitete mit Adobe in einer ähnlichen Art und Weise zusammen, wie wir das als Community-Projekt auch bei Microsoft tun. Er hat viele Lernmaterialien für Adobe Animate und weitere Werkzeuge erstellt und auch an Events des Unternehmens teilgenommen. Was er hier berichtet, deckt sich enorm mit dem, was wir auch bei Microsoft aktuell sehen.
Die Parallelen
Hintergrund für das Video aus 2024 waren die damaligen neuen Nutzungsbedingungen, die Adobe vor allem für seine KI-Werkzeuge und deren Training umfangreichere Rechte einräumen sollten. Neben Jazza haben viele andere Creator und Profis, die Adobe nahe standen und bis dahin mit ihnen eng zusammengearbeitet haben, deswegen den Rücken gekehrt und sind, wenn sie nicht zwingend auf einzelne Werkzeuge angewiesen waren, zu Alternativen wie DaVinci Resolve oder der Affinity Suite gewechselt, wo das eben möglich und zeitnah umsetzbar war. Aber auch abseits davon wurden Parallelen deutlicher, die wir heute auch bei Microsoft beobachten können.
Einige davon nennt Jazza auch in seinem Video. Das beginnt bei einer zunehmenden Entfremdung zwischen dem Unternehmen und seiner Community und geht weiter bei der Priorisierung toller neuer Funktionen, um die Shareholder glücklich zu machen, bei gleichzeitiger Vernachlässigung und Verrottung der Basisfunktionen. Das sind nur einige Beispiele. Was das als Analogie bei Microsoft bedeutet, hatte ich zum Beispiel in meinem Beitrag über Longhorn aufgegriffen, aber man könnte auch ganz aktuelle Beispiele wie Clipchamp heranziehen.
Was vor gut zwei Jahren bei Adobe aktuell wurde, fällt jedenfalls auch Microsoft ganz aktuell immer mehr auf die Füße. Vor allem bei einem Bereich, der bei den Redmondern normalerweise zur Graswurzelbewegung gehört, rumort es aktuell gewaltig: den Entwicklern.
Der Brennpunkt Entwickler
Exemplarisch habe ich euch mal die Videos von zwei .NET-Entwicklern rausgesucht, die beide im letzten Monat erschienen sind und wo beide Entwickler ebenfalls aus dieser Kernentwicklerschaft von Microsoft samt der Erstellung von Lernmaterial stammen, wie Jazza das bei Adobe lange gemacht hat. Während Tim Corey Microsofts Gehabe allgemein dokumentiert, lässt Nick Chapsas seinem Frust wirklich mal freien Lauf.
Man muss dazu sagen, dass die Erfahrungen, die die beiden machen, durchaus in die Breite streuen. Im Kleinen gibt es Projekte wie Playnite, die ebenfalls auf .NET basieren und deren Entwickler nun einen Notausgang suchen, um ihre Optionen hoch zu halten. Hinzu kommen Ärgereien wie GitHub Copilot, auch wenn Microsoft hier jetzt gegensteuert, und auch sonst zieht Microsoft die Daumenschrauben vor allem bei Visual Studio Code durch verschiedene Maßnahmen wie die Durchsetzung von Lizenzrechten oder das Unterschieben von proprietären Erweiterungen unter der regulären Visual Studio-Lizenz weiter an.
Embrace, extend, extinguish?
Im Grunde ist es egal, ob man nun geopolitische Argumente heranzieht, die durch die aktuelle US-Administration final ausgelöst wurden und jetzt hoffentlich dauerhaft zu einer wesentlich stärkeren digitalen Souveränität bei uns führen, oder ob man einfach erkennen muss, dass sich Microsoft auch wegen dem aktuellen KI-Wettrüsten stark verändert. Selbst wenn man äußerstes Wohlwollen übt und sie zum Beispiel bei Windows 11 und der Xbox verlorenes Vertrauen zurückgewinnen wollen, lässt sich die Uhr nicht mehr komplett zurückdrehen. Wegen der KI-Entwicklung sowieso nicht, das ist völlig klar, aber insgesamt ist die Basis an Enthusiasten mittlerweile einfach großteils weggebrochen und wir eiern da eher wie die ehemalige Blackberry-Community umher.
Von diesem Gefühl nehme ich mich persönlich auch nicht aus. Einerseits bezahle ich weiterhin für Microsoft 365 und Game Pass Essential und nutze auch zahlreiche kostenlose Produkte wie Microsoft Edge oder diverse Stamm-Apps von Windows 11 wie Notepad, Snipping Tool oder Microsoft Fotos aktiv weiter. Aber mit so mancher Entwicklung fremdel ich auch und nachdem der bisherige Kurs zur Diversifizierung mittlerweile in eine breitere Umstellung zu quelloffenen und/oder europäischen Lösungen umgeschlagen ist, läuft die sonstige Nutzung mittlerweile auch selektiver und gezielter ab.
Nur um euch mal ein einfaches Beispiel zu geben: Ich bin ja in der sozialpsychiatrischen Eingliederungshilfe und gemeinsam mit der qualifizierten Assistenz sind wir aktuell dabei, die letzten Detailfragen für mein Fernstudium über die Ziellinie zu bringen, damit ich meine Weiterqualifizierung im Informatikbereich bekomme. Normalerweise stand für mich außer Frage, dass ich dort, wo es möglich ist, weiter mit den Microsoft-Tools wie Visual Studio Code und Co. arbeiten wollte. Mittlerweile findet hier tatsächlich ein größerer Umbau statt, der mich wieder verstärkt zu JetBrains treibt und auch ansonsten baue ich das Setup wesentlich agnostischer um, weil ich mich nicht von den Stilblüten aus Redmond treiben und überraschen lassen möchte.
Auch intern bei uns hier spiegelt sich das mittlerweile wider. Einer der Punkte, die ich erwähnt habe, war, dass ich für die .NET-Geschichten bei uns künftig Rider von JetBrains gegenüber Visual Studio 2026 und Visual Studio Code konsequent bevorzugen würde und dass wir unseren Hobbyentwicklern auch mögliche Exit-Strategien über AvaloniaUI, Uno Platform oder dem GTK Toolkit aufzeigen müssen, wo das möglich ist und wenn sie das wünschen. Hier ist noch nichts entschieden und das hat auch nichts damit zu tun, dass ich Microsoft und seine Produkte nicht mehr mag, aber die neuen Realitäten machen es aus meiner Sicht notwendig, dass wir mehr an Vor- als an Nachsorge denken müssen.
Schlusswort
Letztlich kann man aber sicherlich sagen, dass Microsoft mittlerweile zu einem guten Stück dem Beispiel folgt, das Adobe vor gut zwei Jahren so auf die Füße gefallen ist. Dass sie verlorenes Vertrauen wieder zurückgewinnen wollen, ist einerseits gut, aber selbst bei allem Wohlwollen werden sie dennoch zwischen dem Punkt auf der einen und der Wettbewerbsfähigkeit im KI-Rennen auf der anderen Seite balancieren müssen. Dass letzterer Bereich seine Aufmerksamkeit behält, dafür wird alleine schon Mustafa Suleyman als CEO von Microsoft AI sorgen.
Schreibt eure Gedanken gerne mal in die Kommentare und teilt auch gerne, wie ihr den weiteren Weg von Microsoft seht. Wir sind gespannt.
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Kevin Kozuszek
Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden und habe in diesem Ökosystem meine digitale Heimat gefunden. Bei Dr. Windows halte ich euch seit November 2016 über alle Neuigkeiten auf dem Laufenden, die Microsoft bei seinen Open Source-Projekten und den Entwicklerthemen zu berichten hat. Beiträge über Edge, Mozilla, Europas Digitalwirtschaft und inklusive Informatik runden meinen Bereich ab.


