Microsoft: Von der Hau-Ruck-Mentalität zur Politik der kleinen Schritte

Microsoft: Von der Hau-Ruck-Mentalität zur Politik der kleinen Schritte

Es gibt vermutlich keinen Großkonzern, der in den letzten Jahren einen stärkeren Wandel erlebt hat als Microsoft. Es gab nicht nur einen Wechsel an der Spitze, das Unternehmen wurde komplett auf links gedreht, sowohl organisatorisch als auch strategisch, gleichzeitig liegt die Priorität nun auf ganz anderen Produkten als noch vor fünf Jahren. Die platte Redewendung „es ist kein Stein auf dem anderen geblieben“ trifft hier voll ins Schwarze, das gilt inzwischen sogar baulich: Ein nicht unerheblicher Teil des Redmonder Campus wird derzeit abgerissen und neu gebaut.

Die Folgen davon waren und sind auch nach außen mehr als deutlich spürbar. Selbst die „Nachjustierungen“ an der internen Organisation waren umsturzähnlich, und das gleich mehrfach. Strategien wurden mehrfach neu erstellt und fast ebenso oft wieder über den Haufen geworfen. Wenn die Kundschaft den Eindruck hat, dass Microsoft derzeit manchmal selbst nicht zu wissen scheint, was es eigentlich will, dann ist das nichts als die Wahrheit. Wir erleben einen IT-Riesen, der sich neu erfindet und dabei in vielen Bereichen noch auf der Suche nach sich selbst ist.

Durch alle Produkte und Dienste von Microsoft zieht sich inzwischen eine neue Mentalität. Diese hat man sich zu einem Teil selbst auferlegt, zu einem größeren Teil aber musste man sie unter teils erheblichen Schmerzen erlernen.

Früher lebte Microsoft nach dem Motto: „Build it and they will come“. Der Windows- und Office-Konzern konnte sich eines quasi-Monopols erfreuen. Wenn man ein neues Produkt auf den Markt brachte, musste man es nur ins Regal stellen, denn man wusste: Früher oder später müssen die Kunden zugreifen. Selbst bei radikalen Änderungen konnte man auf Zeit spielen, denn bis zum nächsten Release dauert es ein paar Jahre. Eventuelle Beschwerden konnte man einfach aussitzen, zur Not prügelte der rustikale CEO ein wenig nach.

Es wäre sicherlich unfair, den Microsoft-Mitarbeitern Lethargie zu unterstellen, in den drei oder fünf Jahren zwischen zwei Releases wurden ja keine Däumchen gedreht, eine gewisse Bequemlichkeit war aber ganz sicher vorhanden. Aus dieser wurden sie mit der Runderneuerung des Konzerns heraus gerissen. Plötzlich fanden sie sich in agilen Projekten mit kurzen Release-Zyklen wieder. Gepaart mit der Mentalität „Build it and they will come“, die man ja nicht mal eben so aus den Köpfen bekommt, konnte das nur ganz furchtbar schief gehen. Kunden und Partner bekamen ständig neue Dinge um die Ohren gehauen und nach wie vor gingen die Microsofties fest davon aus, dass das 1:1 angenommen wird – so wie man das eben immer gewohnt war.

Wie wir wissen, hat das in sehr vielen Bereichen nicht funktioniert. Windows 10 S, der Windows Store (jetzt Microsoft Store), UWP – um nur drei Beispiele zu nennen – sind allesamt Themen, die auch (natürlich nicht nur) wegen der oben genannten alten Mentalität gründlich in die Hose gingen. Man dachte, man muss das einfach nur hinstellen, dann werden die Entwickler und die Kunden schon darauf anspringen.

Die Folge waren schmerzhafte Lernprozesse, die nun anscheinend zu einem grundlegenden Umdenken und zu einer neuen Strategie geführt haben. Ich nenne sie die „Politik der kleinen Schritte“.

Windows 10 s wurde zum S Mode und wird nicht mehr aktiv beworben, der Store bekommt eine niedrigere Priorität und Features, die bislang UWPs vorbehalten waren, können jetzt auch in klassischen Desktop-Anwendungen verwendet werden. Man nimmt überall den Druck vom Kessel – sind diese Themen also alle tot und hat Microsoft die eigentlich geplante Erneuerung von Windows abgeblasen?

Die Antwort ist ein klares Jein. Einerseits muss sich Microsoft darauf vorbereiten, dass all diese ambitionierten Pläne am Ende fehlschlagen werden. Dass Scheitern eine Option ist, muss man – erstmals in der Geschichte von Windows – bei der mittel- und langfristigen Planung berücksichtigen.

Ich glaube allerdings nicht, dass Microsoft diese Themen wirklich begraben hat. Man nimmt sich einfach nur die Zeit, die es braucht. Statt die früher bewährte Hau-Ruck- und Aussitz-Methode anzuwenden, die nicht mehr funktioniert, geht man nun vorsichtig einen Schritt nach dem anderen – und notfalls auch mal wieder ein paar Schritte zurück.

Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Selbst beim Thema Cloud, DEM strategischen Pfeiler schlechthin, musste man durch diese Erkenntnis durch. Vor 2-3 Jahren noch sagte man seinen Partnern „entweder du machst Cloud oder du kannst dich verp….krümeln“. Jetzt klingt das eher so: „Wir wissen, dass Viele noch nicht bereit für die Cloud sind, wir wollen alle Partner und Kunden bei dem, was sie tun, bestmöglich unterstützen“. An der Zielsetzung, aus lange Sicht trotzdem hundert Prozent seiner Kunden in die Cloud zu bringen, hat sich dennoch nichts geändert.

Kunden, die auf die neuen Ideen angesprungen sind und Microsoft unterstützten, machten die gleiche schwere Zeit durch, wenn die Strategien die Richtung änderten wie der Hase auf dem Feld – das muss ich den Lesern dieser Seite sicherlich nicht aufwändig erklären.

Der Selbstfindungsprozess ist noch längst nicht abgeschlossen, dass es mit Microsoft schon bald wieder einfacher wird, kann ich also niemandem versprechen – immerhin bleibt es ganz sicher spannend. Wenn ich mir aber den „neuen Edge“ anschaue, dann habe ich Hoffnung, das man „build it and they will come“ nun wirklich hinter sich gelassen hat. Zum ersten Mal überhaupt habe ich den Eindruck, dass hier ein Team am Werk ist, dass es unbedingt von Anfang richtig machen möchte und welches sich der Tatsache voll bewusst ist, dass die eigene Idee nicht immer die beste sein muss. Hoffentlich ist das nicht nur der Prototyp für einen neuen Browser, sondern für eine grundsätzlich neue Vorgehensweise in allen Bereichen.

Über den Autor
Martin Geuß
  • Martin Geuß auf Facebook
  • Martin Geuß auf Twitter
Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als elf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.



Kommentare
  1. Ich war 30 Jahre bei Microsoft und wohl so etwas wie ein "kleiner" Fanboy. 30 Jahre... jetzt bin ich zu Google gewechselt. Wie im Artikel geschrieben wurde, ist der Konzern stark umgebaut worden. Leider in eine Richtung, die dem Consumer den Rücken gekehrt hat. Aber dennoch verfolge ich weiter was Microsoft so macht. Vielleicht kommen sie ja eines Tages auf die Idee, sich doch wieder consumer-freundlich aufzustellen.
    @Tom Hedgehog:
    Der Endverbraucher wird doch mit Empfehlungen im Startmenü zum kaufen angehalten?
    Ich sehe und höre nur die Sorgen von Gewerbekunden.
    Auch wenn ich mich nur noch wiederhole. MS kann sich glücklich schätzen, das es so wenige Linux/Unix Administratoren gibt. Diese Mädchen und Jungs werden mit Gold aufgewogen und mit Platin bezahlt.
    Also ich bin wohl einer, der fast schon das alte konservative, dafür planungssichere Microsoft vermisst und halte die Entwicklung von Microsoft derzeit für falsch.
    "Plötzlich fanden sie sich in agilen Projekten mit kurzen Release-Zyklen wieder."
    Das merkt man deutlich. Damals wurde in Unternehmen, die agile Softwareentwicklung eingeführt, damit man sich neben den kürzeren Release-Zyklen auch bessere Qualität der Software versprach. Und was ist passiert. Gefühlt das Gegenteil. Damals habe ich die Beta von Windows 2000 installiert und merkte kaum ein Unterschied zum Endprodukt. Es war in der Beta schon total stabil. Jetzt vergleichen wir das nun mit den letzten offiziellen Microsoft Updates. Soll das Fortschritt sein? Zumal die Updates keine Funktion boten, die man unbedingt gleich brauchte. Microsoft hätte meiner Meinung nach Windows modularer gestalten sollen und dann über ein normales Update der einzelnen Komponenten durchführen können und wäre so komplett nicht mehr an die halbjährigen Release-Zyklen gekoppelt.
    Dann der ständige Strategiewechsel. Bei Microsoft kann man sich kaum noch auf eine Plattform oder Technologie festlegen, weil man nie weiß wie es weitergeht. Siehe Windows Mobile, Windows S, Windows RT (Welche meiner Meinung nach sehr gut war für Tablets). Mein Surface RT oder Lumia 950 XL sind fast wertlos geworden. Dabei war meiner Meinung nach Windows Mobile Android in vielen Dinge überlegen. Zum Beispiel Übersichtlichkeit. Aber das ist wohl nur eine persönliche Meinung.
    Microsoft sollte wieder weg von der "Politik der kleinen Schritte" gehen, sondern wie früher längerfristig planen und auch handeln. Wenn Microsoft nur übers Knie gebrochene Lösung derzeit anbietet, so ist das kein Fortschritt und für ein so großes Unternehmen auf lange Sicht untragbar.
    Ich bin mittlerweile echt an einem Punkt, an dem ich selbst überlege, ob ich nicht komplett auf ein Linux umsteige, obwohl ich selbst das als ein Rückschritt sehe, aber da schreibt mir wenigstens keiner vor, welchen Rückschritt ich mitgehen muss und mir dann noch als Fortschritt verkauft wird (Apple kommt bei mir nicht in Frage und Google hat sowieso kein richtiges Desktop OS).
    Ich hätte nie gedacht, dass ich Steve Ballmer (den ich eigentlich nicht besonders sympathisch fast) vermissen werde. Aber seit Satya Nadella hat meiner Meinung nach Microsoft eine schlechte Entwicklung genommen (schade eigentlich, denn er ist wesentlich sympathischer als Ballmer).
    P. S. Sorry für den etwas längeren Luft-Raus-Lass-Beitrag. Aber ich kann dieses Thema nicht mehr ganz so sachlich sehen, da es mich einfach innerlich aufregt und auch etwas traurig macht.
    @BGeiger: da bist Du nicht ganz alleine mit Deiner Meinung. Auch ich empfinde so wie Du. Mit dem einzigen Unterschied, daß mir Ballmer wegen seiner Ecken und Kanten sympathischer war als der Aalglatter Nadella.
    Microsoft hat in den vergangenen Jahren mehr und mehr Bananensoftware herausgebracht, wo es mich wundert, das ihnen das nicht das Genick vollends gebrochen hat.
    Windows 10 war die ersten 2 Jahre eine Großbaustelle, Windows Mobile ebenso. Edge war anfänglich eine Katastrophe, die Mail App ebenfalls und von Skype möchte ich gar nicht sprechen.
    Ja, inzwischen hat sich vieles getan, aber der Preis wird für Microsoft gewiss hoch sein, der irgendwann zu zahlen ist.
    Ob die Politik der kleinen Schritte nun endlich Qualität mit sich bringt, na abwarten.
    Ich weiß nicht, bei manchen Sachen sehe ich das eher umgekehrt. Also dass nicht Microsoft sich zu sehr der Bequemlichkeit hingegeben hat, sondern dass aufgrund zu bequemer Drittentwickler, welche die Änderungen/Neuerungen nicht mitmachen sondern sich auf altbewährtem ausruhen, die eigtl. sinnvollen neuen Konzepte wie der Store oder UWP zum Scheitern verurteilt wurden.
    Vielleicht sollte MS daher bestimmte Neuerung eher noch mehr forcieren, statt nachzulassen.
    Z.B. könnte Windows 10 sämtlicher nicht über den Store ausgelieferter Software generell den Autostart oder die Einrichtung von Systemdiensten verbieten.
    Oder bei Installation selbiger stets eine Einblendung schalten, die auf mögliche Alternativen und die Vorzüge des Stores hinweist.
    Sodass Entwickler, die den Store bislang in weitem Bogen meiden, mit Kundenfragen überschüttet werden, warum sie denn ihre Software nicht auch im Store anbieten.
    Oder die Zugriffsrechte von sämtlicher x86-Software standardmäßig aus Sicherheitsgründen auf den eigenen Programmordner beschränken. Zugriff auf andere Verzeichnisse nur, wenn der Nutzer sie für das Programm manuell freigibt, oder wenn eben die Store-Distribution genutzt wird.
    Ganz so positiv sehr ich das nicht. Windows 10 S hatte ja überhaupt keine Change sich zu etablieren, das war von vornherein klar das so eine Strategie über Jahre eingeführt werden muss. Der S Mode Witz ist nur da damit die S Geschichte nicht total lächerlich aussieht.
    Auch die Store Idee sollte doch viel langfristiger Angegangen werden. Zumindest sollte MS seine gesamte Software doch bevorzugt über den Store vertreiben. Um klar zu machen das das eigene Unternehmen daran glaubt. Jetzt sind wir genau da wo der Store überhaupt keinen Vorteil noch Sinn mehr hat. Bei den UWPs ist die Vision ja grundsätzlich schon nach den großen Ankündigungen wieder beerdigt worden. Klar ist doch dann das die Entwickler hinterher überhaupt nicht mehr ernsthaft zugehört haben.
    Bei Edge ist es ein Eiertanz, hier geht es wohl aktuell eher darum für Apps eine einfachere Basis zu etablieren und, wie es immer deutlicher wird, Google die fiesen und ungefähren Tricks zu erschweren.
    Ansonsten sind es doch überall im "Ökosystem" nur Baustellen wo die Evolution immer vor einer echten Fertigstellung eingesetzt hat. Die Verunsicherung ist doch enorm zur Zeit, jeder Dienst und jede Hard- und Software von Microsoft das Sie mir heute verkaufen (ob Consumer oder im Business) kann morgen schon Müll sein und dank der Cloud wird übermorgen auch gleich abgewickelt.
    Faktisch steht man Softwareseitig seit Jahren auf der Stelle. Skype ist nun endlich wieder benutzbar in den Grundfunktionen, Windows wird überall geflickt und aufgehübscht, mehr aber auch nicht. Die schnellen Zyklen kommen eher wie mit heißer Nadel gestrickt rüber. Dabei ist Qualität, Verlässlichkeit und Vertrauen gefragt.
    Sonnschein
    Auch wenn ich mich nur noch wiederhole. MS kann sich glücklich schätzen, das es so wenige Linux/Unix Administratoren gibt. Diese Mädchen und Jungs werden mit Gold aufgewogen und mit Platin bezahlt.

    Du machst hier einen ziemlichen Denkfehler, die Sache ist mit Linux doch um einiges komplizierter. Abgesehen davon, dass es nicht DAS Linux oder DAS Unix gibt, ist es gerade bei Linux mittlerweile so, dass die jüngsten Konzepte doch sehr denen von Windows nacheifern. Was bei uns mal die Universal Apps/UWP werden sollten, sind bei Linux Flatpak und Snap. Was bei uns die portablen Programme sind, sind bei Linux die AppImages. Und auch beim grundlegenden Aufbau sieht man zum Beispiel gerade bei Fedora, dass dort mit ostree und anderen Komponenten - rechnet man den in der Regel 6-monatigen Releasezyklus mal ein - schon ein ziemliches Spiegelbild von Windows 10 entsteht. Abgesehen davon sind die Spitzentechnologien, die Linux und freie Software hervorbringen, normalerweise auch problemlos für Windows verfügbar, inklusive Vulkan.
    Worüber ich aber immer wieder schmunzeln muss, ist ein kleinerer, aber lauter Teil der Linux-Community. Ich bin ja wirklich kein Feind von Linux als Technologie und manche Distributionen weiß ich auch zu schätzen, aber bei dem Teil fass ich mir öfters nur noch an die Birne. Nur mal ein paar Highlights, die ich wirklich hautnah mitbekommen habe:
    - Man ist gegen Konvergenz, weil das nur den Desktop kaputt macht.
    - Man ist gegen HTTP als Protokoll, weil es das Internet zerstört hat. Das kommen in letzter Zeit wirklich manche auf den Trichter, den ehemaligen Konkurrenten Gopher neu zu beleben.
    - Man ist gegen Systemd, weil das dann nicht mehr mit den Shellscripten so klappen soll und weil OpenRC und SysV sowieso viel toller sind.
    - Man ist gegen Flatpak und vor allem Snaps, weil solche Apps eher ein Sicherheitsrisiko sind und die Ästhetik des Desktops zerstören.
    - Wenn man Binaries selber signiert, ist das mehr Sicherheit, machen das Entwickler wie Mozilla das oder setzen eine Signierung voraus, ist das Zensur und Bevormundung.
    - Man ist gegen die Cloud, weil das Tracking bedeutet.
    - Man ist etablierten Messengern gegenüber grundsätzlich skeptisch, weil man ja IRC, XMPP oder Matrix hat.
    - Ubuntu ist sowieso nur für die Idioten, die von Windows kommen und Linux nicht bedienen können.
    - Klassische Webbrowser sind u.U. gefährlich und deswegen textbasierte Browser und das Terminal zu bevorzugen.
    - Man braucht keine Editoren wie VSCode, wenn man sowieso Vim und Emacs hat.
    - Warum soll ich für Software bezahlen? Donations tuns doch auch, der Kapitalismus ist eh schon viel zu stark.
    - Moderation ist grundsätzlich Zensur.
    Wie gesagt: Manche, nicht alle. Und den Gemäßigten dort gehen diese Leute auch ziemlich auf den Zeiger. Betrifft aber nicht nur Linux, das hab ich auch zwischen anderen FOSS-Projekten erlebt. Jüngst kam zum Beispiel Pale Moon 28.5 raus und in den Kommentaren bei ghacks haben manche Anhänger dieses Browser offen gegen Firefox-Nutzer geschossen und dabei ziemlich rechte Phrasen aufgegriffen. Auch das ist natürlich nicht in Ordnung. Am Ende ist es aber ziemlich egal, welches Betriebssystem du verwendest. Es ist nur ein Werkzeug, und wenn für dich bei diesem Werkzeug Windows nicht in Frage kommt und du es vermeiden kannst, dann ist das doch völlig ok. Ideologische Grabenkämpfe haben da noch niemanden weiter gebracht und haben da auch nichts zu suchen.
    Trotzdem sehe ich Linux auf dem Desktop, wenn ich ehrlich bin, mittelfristig an einem Scheideweg. Du hast auf der einen Seite Distributionen wie eben Fedora oder Solus, da wird sehr offen und liberal diskutiert, es gibt auch Stimmen für mehr proprietäre Software und gegen den toxischen Teil der eigenen Community und es werden auch Fehler ganz offen angesprochen, zum Beispiel von den Gnome-Entwicklern, die sich auch wegen ihrer Infrastruktur, IRC und dem Zustand z.B. von Webkit in verschiedenen Distros Gedanken machen. Auf der anderen Seite gab und gibt es Entwicklungen, die Linux auf dem Desktop und vielleicht auch mobil zusetzen könnten:
    - Hybride Entwicklung wird immer wichtiger, aber gleichzeitig lohnt sich die Entwicklung für Linux dann nur, wenn der Code entweder direkt auf den drei großen Plattformen läuft oder zu nativem Code kompiliert werden kann, ohne großen Mehraufwand betreiben zu müssen.
    - Wir wissen nicht, wohin Google mit Fuchsia am Ende steuern wird. Wird das auf lange Sicht der Ersatz für Android und Chrome OS, wird Linux mobil und am Desktop zwei namhafte Vertreter verlieren. Ansonsten ist eigentlich nur noch Ubuntu erwähnenswert, weil es entweder direkt mit Laptops verkauft wird (auch von namhaften Herstellern wie Dell) oder weil es bekanntere Derivate wie Linux Mint gibt.
    - Wirtschaftlichkeit wird für die großen Distributoren immer wichtiger, und sofern das nicht den Enterprise-Bereich betrifft, liegt das Geld für Suse, Red Hat und Co. nunmal bei den Containern, Servern und der Cloud. Es ist zumindest teilweise jetzt schon so gewesen, dass Suse durch die Umstellung auf Leap und Tumbleweed oder Canonical, indem sie z.B. den eigenen Desktop abgeschafft haben, Einsparungen vorgenommen haben. Wenn das Interesse noch weiter sinkt, kriegt das Desktop-Linux ein Problem, und die Angst ging bei Fedora und Ubuntu durchaus schon um.
    - Es gibt auch mahnende Stimmen aus dem Linux-Umfeld selber, die Befürchtungen äußern. Sei es, dass man endlich mal einen gewissen Standard bei Linux bräuchte, oder dass bei Vertretern wie Debian oder Linux Mint schon rausklang, dass die Luft zu einem gewissen Teil raus ist.
    - Und die wichtigste Frage: Welche Rolle spielt es in Zukunft denn überhaupt noch, was für ein lokales Betriebssystem clientseitig läuft? Vieles verlagert sich in den Browser, manches wie das Gamestreaming wird in 5 oder 10 Jahren ganz neue Maßstäbe setzen und der Rest wird zunehmend über hybride Entwicklung erledigt. Nun kann man sagen, dass sowas natürlich auch Windows treffen würde, was ja stimmt. Es gibt aber einen Unterschied: Wenn du auf nativer Seite mal alle drei großen Plattformen nimmst, die dominieren (also .NET bei Windows, Swift beim Mac und GTK bei Linux), dann gehen .NET und Swift ganz konsequent den plattformübergreifenden Weg, auch für Swift ist eine vollständige Windows-Unterstützung angedacht und in Arbeit. GTK geht das lange nicht so gut, eher im Gegenteil, auch wenn es grundsätzlich auch unter Windows läuft. Gibt auch noch Qt, aber das ist dadurch, dass es mit Deepin, KDE Plasma und LXQt nur drei namhafte Desktops gibt, viel zu klein. Den Rest belegen Flutter, React und ähnliche Kollegen, und alte Haudegen wie Pascal oder Java gibt es zwar immer noch, aber deren Rolle am Desktop bei Neuentwicklungen ist mittlerweile sehr klein.
    Wie gesagt, ich rechne noch nicht mit unmittelbaren Folgen in den nächsten 1-2 Jahren, aber wir kommen so langsam an den kritischen Punkt, wo sich entscheiden wird, welche Form von OpenSource sich dann mehrheitlich durchsetzen wird, sofern der nicht schon teilweise überschritten ist. Es gibt diese Spaltung zwischen der klassischen, altgedienten OpenSource-Kultur und der progressiven Variante, wo die großen Unternehmen wie Facebook oder Microsoft dabei sind, schon sehr lange, aber der zweite Arm ist finanziell und wirtschaftlich ungleich stärker und gleichzeitig auch der, wohin sich Red Hat und Co. orientieren (werden) müssen, um überlebensfähig zu bleiben. Man kann bei altgedienten Projekten nun nicht erwarten, dass sie, wenn da kein Sponsor oder eine Foundation oder was Ähnliches hinter steht, mit solchen Riesen gleichziehen, und bestimmte Projekte wie HandBrake oder Audacity muss man auch ausklammern, die halten gut mit. Aber es bleibt dann immer noch ein größerer Rest, der lieber isoliert arbeitet und sich nicht zusammensetzt, um Ressourcen zu bündeln und so bessere Software zu entwickeln. Und wenn sich das nicht ändert und gewisse Modernisierungen einsetzen, kann und wird das sicherlich auch manchen Projekten das Genick brechen.
    @mh0001 "Ich weiß nicht, bei manchen Sachen sehe ich das eher umgekehrt. Also dass nicht Microsoft sich zu sehr der Bequemlichkeit hingegeben hat, sondern dass aufgrund zu bequemer Drittentwickler, welche die Änderungen/Neuerungen nicht mitmachen sondern sich auf altbewährtem ausruhen, die eigtl. sinnvollen neuen Konzepte wie der Store oder UWP zum Scheitern verurteilt wurden."
    Meinen Sie das Ernst? Also die Entwickler sind schuld, wenn Microsoft ein neues Konzept einführt, welches dazu führt, dass die Apps schlechter mit Maus bedienbar waren und auch wesentlich weniger Funktionen möglich waren durch die irrsinnige Mobile First Strategie. Man muss den Entwicklern einen Mehrwert bieten und nicht sagen, nimm einfach das neue, egal ob dann die Software damit schlechter wird. Komisch, als Android herauskam, da sind viele Entwickler drauf angesprungen.
    Und es war ein Desaster für Entwickler, da Microsoft keine Rückwärtskompatibilität anbot. Wenn ich eine UWP App baue, so läuft die nicht auf Windows 8. Entwickele ich eine Windows Mobile 10 App, läuft die nicht auf Windows Mobile 8 und eine solche App nicht auf Windows Mobile 7. Was den nun? Also die Entwickler sollen die neue Technologie annehmen, aber zeitgleich eine Menge Benutzer dann ausschließen und den Nutzerkreis verkleinern. Die Strategie geht nicht auf.
    "Vielleicht sollte MS daher bestimmte Neuerung eher noch mehr forcieren, statt nachzulassen."
    Ja stimme zu, indem Sie Durchhaltevermögen unter beweis stellt.
    "Z.B. könnte Windows 10 sämtlicher nicht über den Store ausgelieferter Software generell den Autostart oder die Einrichtung von Systemdiensten verbieten."
    Aber nicht so. Man sollte doch Entwickler, die noch "normale" Desktop Anwendungen entwickeln doch nicht bestrafen, sondern eher den anderen einen Mehrwert bieten. Wenn Sie keinen Mehrwert bieten können, was für einen Sinn hat dann die neue Technologie.
    Ich glaube, dass oft übersehen wird, dass wohl die meisten Nutzer von Windows immer noch einen Desktop PC oder ein Notebook benutzen. Warum macht man dann eine Technologie, die für Smartphones gut ist und wundert sich, dass diese auf dem Desktop PC nicht angenommen werden.
    Was ich mir gewünscht hätte, dass Sie eine Fusion zwischen dem Oberflächen Design von einer normalen WPF-Anwendung und einer UWP App hingekriegt hätten. Also das eine UWP App auf dem Desktop wie eine WPF-Anwendung aussehen kann und dieselbe App auf einem anderen Gerät wie Smartphone wie ne UWP App. Das haben Sie nicht hingekriegt. Mittlerweile nähert es sich zwar an, aber es gibt nun mal keine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Und diesen haben Sie vermasselt, bei fast jeder der letzten Sachen. Bei Windows 8 haben, die komplett ihre Hauptzielgruppe, nämlich den Desktop PC vergessen, indem man mit der Maus wie Wischgesten rumfuchteln musste, um Anwendungen zu wechseln oder zu beenden, mit Windows 8.1 sind die dann halbherzig zurückgerudert. So ein halbherziges und die Zielgruppe aus den Augen verlieren zieht sich durch alles im Moment bei Microsoft.
    No Bullshit!
    PS
    Ist ein schlichtes OS, bei dem ICH bestimme, was läuft und ein Dateisystem, das komplett seine Integrität und die aller Daten überprüft, zu viel verlangt? Also bin ich zu Linux mit BtrFS/ZFS gezwungen.
    BGeiger
    Was ich mir gewünscht hätte, dass Sie eine Fusion zwischen dem Oberflächen Design von einer normalen WPF-Anwendung und einer UWP App hingekriegt hätten. Also das eine UWP App auf dem Desktop wie eine WPF-Anwendung aussehen kann und dieselbe App auf einem anderen Gerät wie Smartphone wie ne UWP App. Das haben Sie nicht hingekriegt.

    Ich habe vor langer Zeit - als es sich noch gelohnt hat, darüber nachzudenken - meine Vision von Continuum aufgeschrieben. Da habe ich genau das skizziert. Ich öffne z.B. Excel auf dem Smartphone und habe eine vereinfachte, touchoptimierte Darstellung. Dann stöpsel ich das Smartphone an mein Continuum-Dock an und habe das "Full Blown" Excel vor mir, wie man es eben vom Desktop kennt. Ich hatte damals nicht den leisesten Zweifel, dass genau das auch der Plan ist, denn es war ja allzu offensichtlich. Tja, und dann kam alles ganz anders...
    Ich finde es trotzdem schade dass sie die mobile Sparte "abgeschafft" haben. Aber wenn man es mal von der anderen Seite betrachtet, das system war(ist immer noch) gut und es gibt so viele andere firmen, die viel weniger modelle von egal was, sei es laptops oder andere kleingeräte verkaufen und dennoch nicht bankrott gehen. Microsoft hätte es ja neben her laufen lassen können mit einem kleinen team, Windows wird so wieso für arm weiterntwickelt also würde nichtmal das argument ziehen dass es ein mehraufwand währe, wenn man sich so communityprojekte wie windows 10on arm für das lumia 950xL oder den raspberry pi anschaut, die laufen und bis auf ein paar nicht unterstützte treiber, einwandfrei.
    Bezogen auf Windows hoffe ich auf eine Art "Core" und fürchte die wörtliche Auslegung einer der letzten Überschriften "Cash Cow", d.h. nur die notwenigsten Reparaturen auch an alten Zöpfen, solange Geld fließt. Da sind Consumer und Business im selben Boot, wobei primär letztere für Cash aufkommen.
    Ein Browser-Oberfläche für einen fremden Unterbau mag ein Anfang sein. Als privater wie Business-Anwender des Betriebssystems ordne ich dieses Thema von der Priorität her eher unter "Schmuck am Nachthemd" statt unter "Top 10 dringlich" ein.
    Ich war 30 Jahre bei Microsoft und wohl so etwas wie ein "kleiner" Fanboy. 30 Jahre... jetzt bin ich zu Google gewechselt. Wie im Artikel geschrieben wurde, ist der Konzern stark umgebaut worden. Leider in eine Richtung, die dem Consumer den Rücken gekehrt hat. Aber dennoch verfolge ich weiter was Microsoft so macht. Vielleicht kommen sie ja eines Tages auf die Idee, sich doch wieder consumer-freundlich aufzustellen.

    Dürfte ich fragen was dich vor 30 Jahren so sehr vom Consumer Microsoft überzeugt hat? Oder ganz allgemein vor Windows Phone?
    Es ist irgendwie lustig.
    "Microsoft sch..... auf Consumer" und "Microsoft hatte noch nie so viele Consumer-Produkte wie heute" sind zwei eindeutige Tatsachen :).
    @Stefan: Da hat Microsoft noch mehr für den Enduser getan. Sie hatten auch mehr Dienste, ein geschlosseneres Ökosystem. Jetzt spürt man als Enduser förmlich, dass man "gehen" soll. Ist natürlich ein subjektiver Eindruck.
    Ich versuche einmal objektiv zu bleiben.
    MS-Windows 10 v1809 macht was ich möchte. MS-Office 2016 macht ebenfalls was ich möchte.
    Soweit ist das Thema beantwortet.
    Wo ich zurzeit Optimierungsbedarf sehe, ist die Mentalität aus allen Töpfen sich mit einem großen Löffel zu bedienen. Dann die alle Naselang veröffentlichten Versions- Updates, die leider die einen oder anderen Fehler mit sich bringen.
    Sicher sollte ich und auch du versuchen zu vergleichen. Ich mache diese Vergleiche mit Linux Mint und ab und zu mit MacOS.
    Im direkten Vergleich steht MS-Windows gar nicht Mal so schlecht da. Wenn diese Mentalität mit den "Empfehlungen" im Startmenü nicht wären und das man alles im Nachhinein an Telemetriedaten deaktivieren muss.
    Ich habe mir Windows so zurechtgebogen, dass ich wie unter Windows7 arbeiten kann. Ich finde auch immer noch, das win7 das ausgereifteste Bedienkonzept hat(te)
    Bei aller Nostalgie und den Vergleichen mit früher.
    Bei wem stürzt heute das Betriebssystem noch regelmäßig ab oder Anwendungen einfach so mitten bei der Arbeit?
    Natürlich sind die in Office 365 eingepflanzten "laß-mich-wissen" Smileys in der oberen rechten Ecke Kinderkram. Natürlich könnte die gute alte Systemsteuerung ein wenig aufpoliert schon längst wieder diese amputierte Zahnradfunktion ablösen.
    Natürlich erstaunen die ganzen kumulativen Updates, von den Upgrades ganz zu schweigen, mit denen dem Gefühl nach für den Anwender wenig Neues oder grandios Verbessertes kommt.
    Mir ist es völlig schnuppe ob Edge MkII wirklich in die Puschen kommt oder nicht und inzwischen hat Microsoft wieder zur alten Größe gefunden und lässt die OEMs (zu denen sie selbst gehören) wieder auf bessere Zeiten hoffen. Oder merkt ihr nicht auch, daß das nötige Hardwareprofil inzwiwschen ganz ordentlich nach oben zeigt.
    (Irgendwann werden Candy Crush & Cie. vermutlich sang- und klanglos verschwinden und nur bei den Script-Hacks wird kurzzeitig Panik ausbrechen -Ironie?)
    Ich zittere nur noch wegen OneNote. Die UWP App ist ggü OneNote 2016 eingeschränkt in der Funktionalität, aber MS pusht die UWP Version. Die Office Version darf man noch gebrauchen, irgendwann ist Schluss. OneNote ist für mich sowohl beruflich als auch privat wichtig, leider bin ich mir nun nicht mehr sicher, ob MS diese Software überhaupt noch ernsthaft unterstützt. Unsere Firma wird den Cloudzwang der UWP Version nicht akzeptieren.. Was dann? Wie war das mit Dateiformaten, die in 20 Jahren niemand mehr lesen kann?
Nach oben