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Microsofts neuerlicher Richtungswechsel beim Consumer-Geschäft: Was sind die Folgen?

Microsofts neuerlicher Richtungswechsel beim Consumer-Geschäft: Was sind die Folgen?

Microsoft hat sein „Modern Life Experiences“ Team aufgelöst und damit 200 Stellen gestrichen. Die Betroffenen müssen sich nun nach einer neuen Stelle im Unternehmen umschauen oder gehen. Primäre Aufgabe des Teams war es, private Nutzer mit neuen Lösungen wieder mehr für Microsoft zu begeistern. Wie geht es jetzt weiter?

Microsoft hat sein „Consumer-Rückgewinnungs-Team“ angeblich aufgelöst – mit dieser Nachricht starteten wir gestern in den Tag. Das „angeblich“ kann aus der Schlagzeile gestrichen werden, denn inzwischen ist es Gewissheit. Viele von dieser Maßnahme Betroffene haben dies auf LinkedIn öffentlich gemacht und angegeben, dass sie nun auf Jobsuche sind.

Als das Team mit der internen Kurzbezeichnung „MLX“ im Jahr 2018 gegründet wurde, sollte dies der „Start einer Reise“ sein, in deren Verlauf Microsoft die Consumer zurückgewinnen wollte, die man beispielsweise mit dem Ende von Windows Phone, Microsoft Band und Groove Music quasi aufgegeben hatte.

Modern Life lautet die neue Consumer-Strategie bei Microsoft

Nun ist diese Reise also schon wieder zu Ende und man fragt sich, welche Auswirkungen das wohl auf Microsoft und sein Consumer-Geschäft haben wird?

Die bösartige Prognose lautet: Gar keine. Das Team hat nichts erreicht, daher wird man es auch nicht vermissen. Das soll jedoch ganz bewusst keine Herabwürdigung der betroffenen Mitarbeiter sein, ich habe viele Beiträge auf LinkedIn gelesen, aus denen man ablesen konnte, dass die Beteiligten mit Herzblut bei der Sache waren. Aber Microsoft ist nun mal kein Ort, an dem großartige Dinge für Consumer geboren werden. Wer sich mit Herzblut und Hingabe dieser Zielgruppe widmen möchte, darf dort gar nicht erst anfangen. Das MLX-Team dürfte ein tapferes kleines Grüppchen gewesen sein, das im Konzern niemand wirklich ernst genommen hat.

Woran hat das MLX-Team konkret gearbeitet?

Die drei prominentesten Produkte, an denen das MLX-Team gearbeitet hat, waren MileIQ, Money for Excel und Microsoft Family Safety. MileIQ wurde 2015 von Microsoft übernommen und 2021 im Wesentlichen wieder an die Gründer zurückgegeben, das digitale Haushaltsbuch „Money for Excel“ wurde im Mai beerdigt. Beide Produkte waren nie außerhalb der USA verfügbar, insofern ändert sich hier wirklich rein gar nichts.

Das dritte Produkt, Microsoft Family Safety, wird künftig ein fester Bestandteil von Windows 11 sein, zumindest war das bis vor einigen Monaten noch der Plan. Dass Microsoft dieses Produkt streicht, scheint einerseits schwer vorstellbar, andererseits weiß niemand außerhalb von Microsoft, wie viele aktive Nutzer es gibt. Sollten es nicht allzu viele sein, könnten auch die Tage von Family Safety gezählt sein.

Wie sieht die Consumer-Strategie von Microsoft künftig aus?

Das ist eine Frage, auf die ich irgendwie gar keine Antwort suchen will. Ich hatte ein Windows Phone, ein Microsoft Band, ein Groove Music Abo und habe alle diese Produkte geliebt. Entsprechend enttäuscht und auch sauer war ich über deren Ende.

Danach habe ich gehofft, dass Microsoft wieder ein bisschen mehr Liebe für Consumer zeigt, weil das auch der Stoff ist, über den ich am liebsten schreibe. Gleichzeitig dachte ich aber ebenso oft: „Sie sollten es lieber bleiben lassen, denn sie können es ja doch nicht.“ Dieser Zwischenzustand hält nach wie vor an, wahrscheinlich komme ich nie davon los.

Versuch einer realistischen Betrachtung: Beim Thema Gaming geht Microsoft in die Vollen und das wird auf absehbare Zeit so bleiben, um diesen Bereich mache ich mir die wenigsten Sorgen. Funktionen mit Consumer-Fokus innerhalb von Einzelprodukten wie Windows oder Microsoft Edge sind Sache der jeweiligen Entwicklerteams. Die Auflösung des MLX-Teams hat hier bestenfalls kleine Seiteneffekte, wahrscheinlich ist sie aber bedeutungslos.

Microsoft 365 für Privatkunden wird ganz sicher fortgeführt, allerdings hat Microsoft neben Money for Excel im Mai auch die Partnervorteile für Abonnenten abgeschafft. Insofern gehe ich davon aus, dass man in Zukunft Office und OneDrive mit Premiumleistungen bekommen wird, aber keine exklusiven Consumer-Goodies mehr enthalten sein werden.

Interessant wird sein, ob Microsoft nach den gescheiterten Versuchen (TikTok, Discord), im Bereich Social Media ein Bein auf den Boden zu bekommen, bei diesem Thema am Ball bleiben wird, oder ob man daran einen Haken macht.

Wenig gehört haben wir bislang von Manik Gupta, den Microsoft vor einem Jahr als Consumer-Spezialisten bei Uber abgeworben hat und der unter anderem für Teams Consumer, Skype und GroupMe verantwortlich zeichnet. Ich hatte eigentlich gehofft, er würde die Strategie zügig neu ordnen, indem er Skype und GroupMe zusammenführt und das unsägliche Abenteuer „Teams für Consumer“ wieder beendet. Passiert ist stattdessen rein gar nichts.

Ich rechne nicht damit, dass Microsoft abseits der Produkte, um die man gewissermaßen nicht herum kommt, weil sie der Quasi-Standard sind, jemals wieder eine gewichtige Rolle bei Consumern spielen wird. Ich rechne aber fest damit, dass sie es weiterhin versuchen werden.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zuhause. Seit 15 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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