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Microsofts Project xCloud und Google Stadia: So ähnlich und doch grundverschieden

Microsofts Project xCloud und Google Stadia: So ähnlich und doch grundverschieden

Streaming aus der Cloud scheint das nächste „Big Thing“ im Gaming zu werden. Wir müssen dahinter noch ein Fragezeichen setzen, denn noch wissen wir nicht, wie gut die Kunden diese Angebote überhaupt annehmen werden. Sicher ist jedenfalls, dass zahlreiche Firmen im Gamestreaming aus der Cloud eine große Chance sehen und sich daher frühzeitig in Position bringen wollen.

Microsoft und Google sind nicht die einzigen Teilnehmer im Rennen um die Cloud-Krone, aber die derzeit prominentesten. Rein technisch gesehen sind Project xCloud von Microsoft und Google Stadia gleich: Die Spiele laufen auf einem Server in der Cloud und werden auf beliebige Endgeräte gestreamt, die ihrerseits keine hohe Rechenleistung, sondern lediglich eine gute bis sehr gute Internetverbindung benötigen.

Natürlich wird es von entscheidender Bedeutung sein, wie gut diese Dienste technisch funktionieren. Ich mache mir da im Grunde allerdings weder bei Google noch bei Microsoft große Sorgen, beide verfügen über die beste Infrastruktur, die man für Geld kaufen kann. Wenn die das nicht hinbekommen, wer soll es denn dann schaffen?

Doch auch, wenn es technisch wenig Unterschiede gibt: Die Angebote könnten unterschiedlicher kaum sein, denn die Art und Weise der Zielgruppenansprache ist bei Microsoft und Google eine komplett andere. Während Microsoft xCloud zumindest vorerst als Erweiterung seines bestehenden Angebots betrachtet, geht Google „All in“ – was sie als Neuling im Spielebusiness natürlich auch tun müssen.

Project xCloud wird, wenn es im Oktober in die Betaphase startet, zunächst nur auf Smartphones verfügbar sein. Der große Bildschirm bleibt dem PC und der Xbox vorbehalten. Der Nutzer wird die Wahl haben, ob er aus der Cloud streamt oder ob er seine eigene Xbox als Streamingserver konfiguriert. Es geht Microsoft also nicht primär darum, neue Kunden zu erschließen, sondern dem bereits vorhandenen Kundenstamm neue Möglichkeiten anzubieten und ihm zu ermöglichen, seine Games auf jedem beliebigen Endgerät zu zocken. Indirekt werden damit natürlich auch die Xbox und Windows 10 als Spieleplattform vermarktet.

Bei Google ist es genau umgekehrt: Stadia zielt auf den großen Bildschirm: Stadia Controller und Chromecast kaufen, an den TV anschließen – und los geht’s. Wer auf dem Smartphone spielen will, muss sich ein Pixel kaufen, denn Stadia wird vorerst exklusiv auf den hauseigenen Google-Phones angeboten.

Wir sind uns vermutlich in einem Punkt einig: Es ist extrem unwahrscheinlich, dass es Google gelingen wird, Spieler von der Konsole oder dem PC wegzulocken und sie dazu zu bringen, voll auf Stadia zu setzen. Das ist der entscheidende Unterschied: Microsofts Zielgruppe sind die Gamer, Googles Zielgruppe sind die Leute, die sie erst noch zu Gamern machen wollen.

Diese „zukünftigen Gamer“ sind die große Unbekannte. Wie viele Leute mag es geben, die bisher die Investition in eine Konsole oder einen Gaming-PC gescheut haben und die auf einen günstigen Einstieg warten? Ich tue mich da mit einer Schätzung schwer, glaube allerdings, dass es Google auch bei diesen Nutzern schwer haben wird. Angebote wie das der Telekom erscheinen mir da wesentlich größere Chancen zu haben, die „Nichtgamer“ anzusprechen, wenn MagentaGaming in MagentaTV integriert wird. Gleiches gilt, sollte Amazon mit einsteigen, die hätten mit Prime und FireTV zwei große Hebel, an denen sie ziehen können.

Microsoft hat vom Start weg den Vorteil, dass sie bereits eine große Gaming-Community haben, mutmaßlich wird auch das Spieleangebot bei xCloud zunächst seinesgleichen suchen („mutmaßlich“ deshalb, weil es dazu noch keinerlei offizielle Informationen gibt). Die Redmonder stehen aus meiner Sicht ganz klar in der Pole Position, allerdings gibt es ein entscheidendes Risiko: Sollte der Gamestreaming-Markt durchzünden, dann kann aus dem Startvorteil für Microsoft auch eine Altlast werden. Während die anderen Anbieter allesamt und ohne Rücksicht auf Verluste mit Vollgas auf die Cloud setzen können, muss Microsoft den neuen Markt erschließen, ohne seine bestehende Community zu verlieren.

Je langsamer sich das Gamestreaming aus der Cloud entwickelt, desto besser ist es für Microsoft. Sollte es statt einer Evolution eine Disruption des Spielemarkts geben, wird Microsoft ins Schwimmen geraten. Eine Vorhersage zu treffen, ist schwer bis unmöglich. Die jetzigen Gamer werden nicht plötzlich in die Cloud überlaufen, soviel scheint sicher. Die alles entscheidende Frage wird sein, wie viele neue Gamer dieser Markt generiert. Je mehr es sind, desto größer sind die Chancen für die „Neulinge“ wie Google, Telekom, Amazon(?),  Apple(?) und wer da sonst noch so kommt.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zuhause. Seit 15 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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