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Mission Impossible? Warum die Erneuerung von Windows so schwer ist

Mission Impossible? Warum die Erneuerung von Windows so schwer ist

Windows hat ein ganz grundsätzliches Problem: Es ist nicht zukunftsfähig. Klingt vielleicht erst mal ziemlich hart, ist aber nicht böse gemeint und ich bin sicher, Microsoft ist sich dieser Tatsache voll bewusst. In den letzten Jahren sind alle Versuche, Windows neu aufzustellen, gescheitert. Demnächst steht uns wohl ein weiterer ins Haus, wieder mit einem ganz neuen Ansatz – und der könnte schon so etwas wie die letzte Gelegenheit sein.

Viele Versuche sind gescheitert

Mit dem Wechsel von Windows Mobile 6.5 zu  Windows Phone 7 stieß Microsoft seinerzeit seine kleine mobile Gefolgschaft vor den Kopf, um etwas Neues auszuprobieren und den Einstieg in die Smartphone-Ära zu schaffen. Wie wir heute wissen, ging das schief – damals am alten Prinzip festzuhalten, hätte es allerdings auch nicht besser gemacht. Am PC sollte Windows 8 eine neue Ära einläuten und den Tablet-Boom aufgreifen, mit Windows RT versuchte man außerdem erstmals, Windows auf eine komplett neue Basis zu stellen. Beides ging daneben.

Dann folgte Windows 10, welches das „Eine für Alles“ werden sollte. Drei Jahre später ist Windows 10 das, was Windows immer war: Ein Desktop-Betriebssystem und nichts anderes. Andere Formfaktoren, auf denen Windows 10 läuft, sollte man maximal als Proof of Concept durchgehen lassen. Es sind aufwändige Spezialversionen, die das genaue Gegenteil von einheitlich sind.

Der Desktop wird zur Nische

Im Grunde wäre das gar nicht schlimm, wenn der Desktop noch so relevant wäre, wie er das vor vielen Jahren war, oder wenn er zumindest so relevant bliebe, wie er es heute ist. Tatsächlich aber brauchen viele Nutzer heute keinen PC mehr. An vielen Arbeitsplätzen stehen heute noch PCs, weil nur diese Geräte das Produktiv-Szenario „Schreibtischarbeit“ abdecken. Hier geht es aber eher um die Peripherie-Geräte, also Maus, Tastatur und Monitor. Selbst wenn man mal unterstellt, dass ich an diesem Setup nichts ändert, werden andere Geräte an die Stelle des PC treten.

So sehr sich Microsoft auch bemüht, Windows 10 um neue Funktionen zu erweitern und die Weiterentwicklung von Hard- und Software anzutreiben – was hier passiert, ist letztlich nur verwalteter Niedergang. Und nochmal, das ist nicht böse gemeint und ich trenne das vollständig von eventueller Kritik am Produkt selbst.

„Man wird für bestimmte Aufgaben immer einen PC brauchen!“ Korrekter Einwand. Ja, auch noch in vielen Jahren wird das so sein, dennoch werden es deutlich weniger sein als heute, und am Ende wird der gute alte PC in der Nische enden. Einen PC zu besitzen, wird etwas Besonderes sein.

PC-Fraktion bremst den Fortschritt

Weil Microsoft den obigen Umstand kennt, versuchen sie seit Jahren, Windows eine neue Richtung zu geben. Einer der Gründe, warum das bisher immer schief ging: Die neuen Ansätze sprachen die alte Zielgruppe an. Man hat nicht die Leute erreicht, die sich vom PC abwenden, sondern jene, die sich daran festklammern. Und die Leute, für die ein PC nach wie vor das Mittel der Wahl ist, tun das Naheliegende: Sie erklären sich, Microsoft und dem Rest der Welt, warum das nichts werden kann und warum sie die Neuerungen ablehnen werden. Windows RT, Windows 10 S oder jetzt Windows 10 on ARM – sobald etwas vom Standard abweicht, wird es abgelehnt und totgeredet. Die Leute (das schließt nicht nur Nutzer, sondern auch Journalisten mit ein), für die es gar nicht gemacht ist, sorgen so letztlich dafür, dass die Ansätze meist schon im Keim erstickt werden und gar nicht erst bei der richtigen Zielgruppe landen.

Damit soll jetzt natürlich nicht gesagt werden, dass Microsoft keine Fehler gemacht hat. Natürlich haben sie das, und zwar reichlich, der obige Aspekt ist dennoch nicht von der Hand zu weisen und er sorgt dafür, dass sie manchmal erst gar keine faire Chance bekommen.

Neustart notfalls „gegen“ die eigenen Kunden

Wenn für Microsoft und Windows der Aufbruch in eine neue Zeit tatsächlich noch gelingen soll, dann muss man jetzt tatsächlich „all in“ gehen und die eigenen Kunden bis zu einem gewissen Grad ignorieren. Darunter sind nämlich Leute, die neue Ansätze bei Microsoft sofort für gescheitert erklären und die dann in ein paar Jahren abwandern und behaupten, Microsoft hätte geschlafen.

Weil die Sache mit dem „One Windows“ nicht funktioniert hat, wird Microsoft dem Vernehmen nach den umgekehrten Weg einschlagen und versuchen, einen Baukasten draus zu machen. Core OS, CShell, Andromeda, Polaris – viele neue Begriffe, die technisch spannend und doch so unbedeutend sind. Kein Fan muss versuchen zu erklären, warum dieser Ansatz so toll ist, den Kunden interessiert das nämlich alles nicht. Er will moderne Geräte, die funktionieren, und die ihm das Leben leichter machen.

Lautsprecher, Mobilgeräte in allen erdenklichen Ausprägungen, intelligente Displays und das große Feld der künstlichen Realitäten – das sind nur einige der Bereiche, die eine Plattform neben Arbeit und Spiel künftig abdecken muss. Ich hatte neulich schon angeregt, dass man diesen Neustart sinnvollerweise auch mit einem neuen Namen verknüpfen sollte, um eine klare Trennung zu schaffen. Ich finde diese Idee nach wie vor spannend.

Ich habe lange gerätselt, ob Microsoft überhaupt gewillt ist, diesen Schritt zu gehen, oder ob sie sich damit abfinden, mit Windows und dem PC langsam aber sicher in die Irrelevanz zu gleiten, um anschließend gar keine eigene Plattform mehr zu haben und stattdessen die vorhandenen mit ihrer Software zu bedienen. Es sieht so aus, also wollten sie es tatsächlich versuchen, und das könnte in der Tat die letzte Gelegenheit sein, denn in vielen Bereichen muss sich Windows nicht mehr gegen Alternativen behaupten, sondern es muss umgekehrt beweisen, dass es selber noch eine Alternative ist.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zuhause. Seit 15 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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