Opera Air: Mit Achtsamkeit geht’s ins Marketing
Moderne Browser haben bei mir tatsächlich einen schweren Stand. Das Duo aus Microsoft Edge und Mozilla Firefox bildet bei mir eine eiserne Phalanx, die selbst von neuen Entwicklungen wie Comet nicht durchbrochen werden kann. Eine große Ausnahme bildete allerdings der Zen Browser, der mich zuletzt aufgrund seinem stärkeren Fokus auf konzentriertes Arbeiten gewinnen konnte und seitdem die beiden führenden Browser in der zweiten Reihe ergänzt.
Zu Beginn dieses Jahres hatte sich auch Opera ein Herz gefasst und stellte mit Opera Air einen neuen Konzeptbrowser vor, der in die gleiche Strategie wie der Gaming-Browser Opera GX und der KI-Browser Opera Neon vorstößt: Man nehme die bewährte Basis von Opera One und bastle etwas für eine besondere Zielgruppe. Ist das hier gelungen?
Eine Ohrfeige gleich zum Start
Über einen Großteil der Funktionen brauchen wir aufgrund der Basis von Opera One kein großes Wort verlieren. Sämtliche bekannten Funktionen vom KI-Assistenten Opera AI (ehem. Aria) über die Seitenleiste mit den Arbeitsbereichen und Messengern bis hin zu den kleineren Geschichten wie der Momentaufnahme und dem Adblocker sind vorhanden. Worüber man allerdings ein ernstes Wort verlieren muss, ist die Sicherheit, denn Opera Air hat bei Chromium einen ziemlichen Rückstand.
Die zum Zeitpunkt, als ich diesen Beitrag schreibe, aktuelle Version 124.0.5705.103 basiert auf Chromium 140.x und liegt in der Entwicklung gut drei Monate hinter den großen Konkurrenten wie Edge und Chrome zurück. Sofern man jetzt denkt, dass dieser langsamere Entwicklungszug aufgrund der speziell integrierten Zusatzfunktionen gefahren wird, liegt man allerdings daneben. Diese halten sich bei Opera Air ohnehin in Grenzen.
It’s Marketing, man!
Tatsächlich wirbt Opera Air bereits mit seiner Benutzeroberfläche Air UI für mehr Leichtigkeit bei der Arbeit, obwohl es weiterhin nur eine Modifikation von Opera One ist und mit Ambience nur ein dunklerer Teilmodus mittlerweile nachträglich integriert wurde. Etwas komisch wird es unfreiwillig dann, wenn man auf Inara als eine weitere Zusatzfunktion schaut: Das ist ein kleines Kätzchen, was auf der Startseite von Opera Air auftaucht und schnurrt, wenn man darauf klickt, und was ebenfalls beruhigen soll. Ja, ist wirklich so.
Nimmt man das Recycling von bestehenden Altfunktionen wie dem Pseudo-VPN-Proxy oder dem Adblocker, welches das Marketing vornimmt, mal aus der Rechnung raus, bleiben unterm Strich genau zwei Funktionen übrig, die seit dem ersten Release auch punktuell weiter verbessert wurden.
- „Pause machen“ (bzw. Take A Break) fasst Entspannungstechniken wie Atem- und Nackenübungen, Meditationen und Ganzkörper-Scans unter einer Oberfläche zusammen.
- Boosts sind zusammengestellte Stücke aus Entspannungsmusik, Visualisierungen und weiteren Elementen, mit dem das Gehirn zur Ruhe kommen soll.
Selbst für jemanden wie Opera, die eigentlich gerne mit Konzeptbrowsern experimentieren und fairerweise wie einst mit Opera Coast auch richtig gute Ideen hatten, ist das eher schwach. Die Probleme beim Thema Datenschutz, die Opera als Tochter von Beijing Kunlun Tech und anderer chinesischer Investoren ohnehin noch umgeben, zahlen hier noch zusätzlich in die Skepsis ein.
Zwischentöne
Dieser Beitrag soll kein umfassendes Review sein, dafür gibt es bei Opera Air auch zu wenige Dinge, die ihn vom regulären Opera One unterscheiden. Mir war es aber wichtig, dass man diesen Browser aus einem anderen Grund einmal kurz aufgreift. Ähnlich wie mit Opera Crypto während der kurzen Web 3.0-Phase geht man auch hier wieder unter dem Oberthema „Mindfulness“ auf Massenfang und versucht, aus einem wichtigen Thema – in diesem Fall mentale Gesundheit – kurzfristig Kapital zu generieren und die Nutzerbasis mit möglichst geringem Aufwand zu verbreitern. Schon Opera GX war bei diesem Thema bei weitem nicht frei von Kontroversen, was die Reviews betraf.
Mentale Gesundheit und Achtsamkeit sind im Gegensatz zu Gaming und Crypto aber Teil einer Nutzergruppe, mit der man besonders feinfühlig umgehen muss. Das gilt erst recht in einer Zeit, wo die Menschen Künstliche Intelligenz auch bei Gesundheitsfragen zunehmend zu Rate ziehen, obwohl das keine zugelassenen digitalen Gesundheitsanwendungen sind. Angesichts dessen wirkt Opera Air vor allem wie eine Nebelkerze, dessen langfristiger Mehrwert gerade auch gegenüber den eigenen Geschwistern wie Opera Neon große Fragen aufwirft, auch wenn die Entwickler zumindest im kommenden Jahr weitere Verbesserungen bei den beiden Kernfunktionen versprechen.
Schlusswort
Aufgrund meiner Angststörung und meiner Anfälligkeit für’s Gedankenkarussell bin ich selbst jemand, der in einem gewissen Rahmen seine Arbeitsweise auf links drehen wollte, um solche Sachen bei der täglichen Arbeit besser im Griff zu halten. Zen Browser hat es auch deswegen in mein Arsenal geschafft, weil er mir mit seiner minimalistischen wie flexiblen Benutzeroberfläche und der zugrunde liegenden Firefox-Basis ausreichende Möglichkeiten bietet. Weitere Windows-Apps wie zum Beispiel Ambie, die ich teilweise auch in meiner digitalen Skillsbox genannt habe, kommen noch dazu.
Unabhängig von den angesprochenen Problemthemen bei Sicherheit und Datenschutz dürfte sich die langfristige Zukunft von Opera Air in Grenzen halten. Die beiden Kernfunktionen wurden von den Entwicklern zwar immer wieder ein bisschen angefasst, aber verglichen mit Opera GX, um den mit GameMaker ein komplettes Ökosystem aufgebaut wurde, und Opera Neon, der den Schwerpunkt bei den KI-Browsern setzt und damit dem wichtigsten Trend gerecht wird, dürfte er schon bei den Ressourcen, gerade wenn man Opera One als konventionellen Browser noch einrechnet, das Nachsehen haben.
Schreibt mir eure Meinung dazu gerne mal in die Kommentare. Mich würde vor allem interessieren, wie ihr auch vom Marketing her über solche Vorstöße denkt.
Thema:
- Software
Über den Autor

Kevin Kozuszek
Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden und habe in diesem Ökosystem meine digitale Heimat gefunden. Bei Dr. Windows halte ich euch seit November 2016 über alle Neuigkeiten auf dem Laufenden, die Microsoft bei seinen Open Source-Projekten und den Entwicklerthemen zu berichten hat. Beiträge über Mozilla, Europas Digitalwirtschaft und inklusive Informatik runden meinen Bereich ab.


