Plötzlich HomeOffice: Man geht nicht einfach heim und arbeitet

Plötzlich HomeOffice: Man geht nicht einfach heim und arbeitet

Viele arbeitende Menschen finden sich seit ein paar Wochen plötzlich im HomeOffice wieder. Für die Einen ist es eine gewohnte Situation, nur dass man eben jetzt noch öfter als sonst von zu Hause arbeitet, für die Anderen ist es eine völlig neue Erfahrung, die sie vielleicht sogar gegen den eigenen Willen machen.

Das Netz ist voll von guten Ratschlägen und ultimativen Tipps für das perfekte Heimarbeits-Erlebnis, worüber ich immer wieder den Kopf schütteln muss. Natürlich gibt es ein paar allgemein gültige Dinge, über die es sich zu sprechen lohnt, im Grunde aber sind die Ratgeber der Versuch, den Menschen ein Rezept für die perfekte Lieblingsspeise aufzuschreiben, ohne deren Essgewohnheiten zu kennen. Das Thema HomeOffice ist so individuell wie die Menschen selbst.

Ich will daher keine klugen Ratschläge geben, sondern einfach meine persönliche Geschichte aufschreiben. Natürlich hoffe ich, dem einen oder anderen Leser damit einen hilfreichen Impuls geben zu können.

Meine persönliche HomeOffice-Story beginnt im Jahr 2011, aber sie beginnt nicht zu Hause. Im Herbst 2011 entschloss ich mich, im zarten Alter von 41 Jahren den Sprung in die Selbständigkeit zu wagen. Ich hätte kein Büro gebraucht, aber ich habe dennoch eines angemietet. Mein ganzes Leben lang war ich es vorher gewohnt, morgens zur Arbeit und abends wieder nach Hause zu gehen. Ich war der Überzeugung, dass ich diesen Tapetenwechsel benötige, um in einen vernünftigen Arbeitsmodus zu kommen. Außerdem war ich fest entschlossen, tatsächlich „Feierabend“ zu machen, wenn ich nach Hause gehe. Wie ihr sicher schon ahnt, hat das nicht sehr lange funktioniert.

Es war eine teure Lernphase, Büroeinrichtung und -Miete haben mich mehrere zehntausend Euro gekostet, ehe ich 2015 tatsächlich „nach Hause gezogen“ bin. Es versetzt mich aktuell aber immerhin in die Lage, Verständnis aufzubringen, wenn jemand sagt „HomeOffice ist nichts für mich“, vor allen Dingen, wenn man es ein ganzes Arbeitsleben lang nicht gekannt hat. Ich würde aber dennoch zu niemandem sagen: „Geh es an, das wird schon.“ Vielleicht wird es nämlich nicht. Es gibt Menschen, für die ist diese Arbeitsform nicht geeignet, und das gilt es zu akzeptieren. Das macht diese Leute nicht zu besseren oder schlechteren Angestellten.

Von zu Hause aus zu arbeiten, ist speziell und unglaublich facettenreich. Darum gibt es ja auch so unfassbar viele Ratgeber mit den vermeintlich „besten Tipps“: Schaffe dir einen eigenen Arbeitsbereich, zieh dir eine Hose an, halte dich an feste Rituale und so weiter und so weiter. Der einzige Ratschlag, den ich dazu geben kann: Lest euch alle Ratgeber durch, probiert alle Tipps aus – und entscheidet anschließend selbst, was zu euch passt.

Für mich persönlich habe ich festgestellt: In der Tat fühle ich mich am wohlsten, wenn ich sehr früh aufstehe (meist so gegen 5:40 Uhr), mich dusche, anziehe, eine Runde mit dem Hund drehe und mich dann an den Schreibtisch setze. So fühle ich mich „aufgeräumt“. Trotzdem gibt es die Tage, an denen ich vom Bett direkt zum Schreibtisch wandle, und wenn ich um 15 Uhr ein Paket in Empfang nehme, denkt der Kurier, ich wäre gerade aufgestanden. Weil ich immer noch so aussehe. Solche Tage bereiteten mir früher ein ungutes Gefühl, daher spürte ich, dass ich etwas verändern muss. Ich tat es, in dem ich beschloss, mich nicht mehr schlecht zu fühlen, sondern zu akzeptieren, dass nicht alle Tage gleich sind.

Ein Stichwort, welches beim Thema HomeOffice ebenfalls sehr oft genannt wird, ist: Disziplin. Die benötigt man tatsächlich, und zwar in jedweder Hinsicht. Ich beispielsweise neige zum Bummeln, verliere mich in irgendwelchen Nebensächlichkeiten, lasse mich gerne ablenken. Die Belohnung ist, dass sich meine lockere Arbeitsweise für mich selbst selten anstrengend anfühlt, aber ich bezahle den Preis, dass ich entweder länger arbeiten muss oder die mir selbst gesetzten Tagesziele nicht erreiche.

Es ist schwer, aus der eigenen Haut zu schlüpfen, daher greife ich zu „Tricks“. Um einen längeren Text wie diesen konzentriert verfassen zu können, schnappe ich mir oft mein Laptop. Durch den kleinen Bildschirm bin ich automatisch fokussierter, das Auge droht nicht irgendwo hin abzuschweifen, wie mir das am großen PC-Monitor leider zu häufig passiert. Ich verkrieche mich dann gerne mal an einen ruhigen Ort und nehme auch das Smartphone nicht mit, um nicht gestört zu werden.

Stichwort Störungen: Das war und ist ein sehr schwieriges Thema für mich. Als ich 2015 begann, überwiegend von zu Hause zu arbeiten, lebten meine beiden Kinder noch bei uns. Zusammen mit meiner Frau waren da also drei Leute, die mich „störten“. Das war nicht deren Schuld, die waren ja einfach nur da, und meist ließen sich mich auch in Ruhe. Mir genügten allerdings schon Schritte, die sich näherten, um die Konzentration zu verlieren. Es könnte ja gleich jemand neben mir stehen und mich ansprechen. Bis heute habe ich dafür kein Rezept gefunden.

Erst seit Ende des letzten Jahres habe ich innerhalb der Wohnung mein eigenes Büro, in das ich mich einschließen kann, wenn es einmal nötig sein sollte. Meist ist die Tür offen, denn ich will mich ja nicht abschotten, hin und wieder aber muss es einfach sein: Dann ist die Tür zu und dann will ich auch nur angesprochen werden, wenn es wirklich wichtig ist. Das ist ein ganz schwieriges Thema und kann, wenn nicht alle Beteiligten auf der gleichen Wellenlänge liegen, durchaus den Familienfrieden gefährden.

Um noch den Bogen zur aktuellen Situation zu schlagen: Wenn dadurch Entwicklungen angestoßen oder beschleunigt werden, ist das im Grunde eine gute Sache. Ganz sicher ist die derzeitige Lage aber nicht geeignet, um irgendwelche generellen Erkenntnisse pro und kontra HomeOffice zu sammeln. Von jemandem, der plötzlich mit dem Laptop unter dem Arm im heimischen Wohnzimmer zwischen Partner und Kind steht, sollte man nicht erwarten, dass die Arbeit einfach weiter geht. Schon gar nicht in einer Zeit, in der wir alle uns mehr Sorgen machen als sonst, worunter letztlich auch die Arbeitsleistung leidet.

Ich kann mir nur ganz schwer vorstellen, jemals wieder in einen Job mit täglicher Anwesenheitspflicht im Büro zurück zu kehren. Gleichzeitig aber genieße ich es, in dem Job, den ich neben meiner Arbeit hier noch habe, jederzeit ins Büro zu dürfen. Auf den physischen Kontakt mit den Kollegen könnte ich nicht dauerhaft verzichten, und tatsächlich gibt es Tage, an denen ich mich im Büro wohler fühle als zu Hause.

So viel für den Moment – heute Abend plaudern Marijan und ich im OneCast über das Thema HomeOffice, und ihr seid herzlich eingeladen.

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Über den Autor
Martin Geuß
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Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!
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