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Satya Nadella: „Ich war gegen die Nokia-Übernahme“

Satya Nadella: "Ich war gegen die Nokia-Übernahme"

Heute erscheint Satya Nadellas Buch „Hit Refresh“, in dem er beschreibt, wie er bei Microsoft die wohl nachhaltigste Veränderung der internen Kultur in der Geschichte des Unternehmens herbei führte. In diesem Buch geht er auch auf die Nokia-Übernahme und den darauf folgenden Ausstieg aus dem Smartphone-Geschäft ein.

Eines vorweg: Ich kann mir gut vorstellen, dass einige Windows Phone-Fans bereits mit geballter Faust und aufrecht gestellten Nackenhaaren lesen. Satya Nadella ist zum Feindbild geworden, weil er aus Sicht vieler Enthusiasten zu voreilig den Stecker gezogen hat. Ich kann das durchaus nachvollziehen, und auch wenn ich einerseits ein gewisses Verständnis für die Entscheidung aufbringe, so bin auch ich überzeugt, dass Nadella die Folgen dieser Maßnahme falsch eingeschätzt hat, weil er zu sehr von dem Gedanken getrieben war, die von ihm abgelehnte Übernahme von Nokia wieder rückgängig zu machen.

In seinem Buch schreibt Nadella (via Thurrott) bezüglich der Abstimmung über die Nokia-Übernahme, die noch unter der Leitung von Steve Ballmer eingeleitet wurde: „Ich habe mit Nein gestimmt. Ich habe nicht verstanden, warum die Welt ein drittes Smartphone-Ökosystem braucht, wenn wir nicht in der Lage sind, die Regeln zu ändern. Es war zu spät, um den Rückstand aufzuholen, wir haben nur die Rücklichter unserer Konkurrenten gesehen.“

Eine Aussage, die weh tut, der man objektiv aber zustimmen muss. Dass die Welt kein drittes Ökosystem braucht, zeigt die Realität. Ich denke aber nicht, dass es genau so gemeint war, darum sollte man diese Aussage nicht aus dem Zusammenhang reißen – zumindest nicht ohne den zweiten Halbsatz: „wenn wir nicht in der Lage sind, die Regeln zu ändern“. Ich würde die Aussage so interpretieren: „Wenn wir sowieso nur hinterher laufen und genau das selbe machen, was auch die anderen tun, dann können wir es auch bleiben lassen.“

Ja, Windows Smartphones hatten Alleinstellungsmerkmale wie den Glance Screen, Live Tiles, drahtloses Laden und die besten Kameras auf dem Markt, im Grunde war es aber in der Tat nur ein weiteres Smartphone-Ökosystem.

Das ist der Punkt, in dem ich Nadella eher verteidigen möchte. Aber es gibt auch Aussagen, die ich nicht begreife, zum Beispiel jene zum Zusammenschluss der Entwicklungsabteilungen nach der vollzogenen Nokia-Übernahme:

„Die Hoffnung war, dass die Zusammenlegung der Entwicklungsabteilungen von Nokia für die Hardware und Microsoft für die Software das Wachstum von Windows Phone beschleunigen . Die Übernahme hätte der große, dramatische Schritt werden sollen, um zu iOS und Android aufzuschließen.“

Genau das wurde aber niemals ausprobiert. Als die Nokia-Übernahme im Jahr 2014 formell abgeschlossen wurde, war Nadella bereits CEO, und er hatte vom ersten Tage nur ein Ziel: Die von ihm abgelehnte Maßnahme wieder rückgängig zu machen. Zu einem echten Zusammenschluss der Teams ist es niemals gekommen, der ebenfalls „eingekaufte“ Nokia-Chef Stephen Elop wurde sofort kaltgestellt und so lange ohne Aufgaben in ein Einzelhaft-Büro gesteckt, bis er schließlich irgendwann freiwillig ging. Man mag von Elop halten, was man will, aber Herzblut hatte er.

Nadella schreibt in seinem Buch, was er seit dem Ausstieg von Microsoft bereits mehrfach wiederholt hat: „Wir sollten nur im Phone-Geschäft sein, wenn wir etwas zu bieten haben, was uns wirklich differenziert.“ Das ist die Aussage, aus der viele Fans die Hoffnung schöpfen, dass Microsoft noch nicht völlig aufgegeben hat und eines Tages mit einem Gerät um die Ecke kommt, von dem die Welt sagt: Wir hätten ja nicht gedacht, dass man das Smartphone neu erfinden kann, aber Microsoft hat es getan.

Ich geb’s ja zu, auch mir gelingt es einfach nicht, diese Hoffnung abzuschütteln. Leider wirkt Microsoft in diesem Segment aber derart planlos, dass man sich das nur ganz schwer vorstellen kann. Wenn mich der Frust mal wieder packt, dann erwische ich mich auch bei dem Gedanken: „brauchen wir wirklich einen weiteren Beweis, dass sie es nicht können, oder sollten sie es nicht besser einfach ruhen lassen?“.

Wie dem auch sei: Ich kann einerseits verstehen, dass Microsoft sich aus diesem Bereich verabschiedet hat. Rein betriebswirtschaftlich betrachtet, und nur mit Blick auf den Smartphone-Markt war das wohl die richtige Entscheidung. Andererseits sehe ich aber auch, dass der Windows 10 Story von „einem System für alle Geräte“ ohne Smartphone ein ganz entscheidender, wenn nicht sogar der wichtigste Baustein fehlt. Die Verbindung PC und Smartphone ist ja auch die einzige, bei der das Konzept der Universal Apps so richtig greifbar wird. Und darum glaube ich, dass Satya Nadella in seinem „Rückabwicklungs-Wahn“ schlicht übersehen hat, dass er der Vision von Windows 10 damit einen Schaden zufügt, der vielleicht nie wieder gut zu machen ist.

Ich glaube übrigens auch, dass die Geschichte anders gelaufen wäre, hätten Windows Smartphones ihren zeitweise zweistelligen Marktanteil nicht in Europa, sondern in den USA verbucht.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zuhause. Seit 15 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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