Surface Neo und Duo: Microsofts bisher riskanteste Hardware-Wette

Surface Neo und Duo: Microsofts bisher riskanteste Hardware-Wette

Mit der Vorstellung der beiden Surface-Geräte Neo und Duo hat Microsoft in der letzten Woche überrascht und damit nicht nur die Fans entzückt. Auch die neutrale Presse abseits der typischen Microsoft-Blogs zeigte sich durchaus beeindruckt. Mir selbst ging es wie vielen Microsoft-Fans, es stellte sich dieses „will ich sofort haben“-Gefühl ein. Diese besondere Form der Begeisterung, die erstmal keine weiteren Fragen stellen will.

Mir war daher sofort klar: Wenn ich diese Geräte analysieren möchte, dann muss ich mir dafür ein paar Tage Zeit geben und sozusagen erst wieder „nüchtern“ werden. Ich denke, jetzt kann ich mich trauen.

Ich halte das Surface Neo und Duo für die bisher riskantesten Hardware-Wetten von Microsoft (die Smartphones klammern wir dabei aus, dieses Geschäft hat nie wirklich zu Microsoft gehört, es wurde nach der Übernahme ja nur noch abgewickelt). Da „riskant“ einen leicht negativen Touch hat, können wir uns auch gerne auf den Begriff „mutig“ einigen.

Warum ich so denke, will ich gerne erklären. Selbstverständlich waren das Surface Pro, das Surface Book und auch das Surface Studio neue Formfaktoren, es waren letztlich aber „nur“ Interpretationen bereits existierender Geräteklassen. Vor allen Dingen aber adressierten sie real existierende Bedürfnisse: Die Nachfrage nach flexibleren 2in1-Geräten war zweifellos bereits vorhanden, als Microsoft das erste Surface vorgestellt hat. Das soll die erbrachte Leistung nicht schmälern: Die gesamte Geräteklasse zu prägen und selbst Apple zu inspirieren, dieses Konzept zu übernehmen, muss man ja dennoch erstmal schaffen.

Mit dem Surface Duo und Neo geht Microsoft nun „all in“, was Dual Display Geräte angeht. Mich muss man von dem Potenzial, welches hierin steckt, nicht überzeugen, eine ganz wichtige Zielgruppe allerdings schon: Die Entwickler. Tatsächlich steht Microsoft auch mit dem Surface Duo, obwohl es mit Android läuft und den Play Store an Bord hat, vor einem altbekannten Problem: Die Apps müssen kommen.

Google ist beim Duo zwar so etwas wie der Senior-Partner, da Microsoft nach eigener Aussage einen Standard-OEM-Kontrakt für Android unterschrieben hat. Gleichzeitig ist Google aber auch ein Leidensgenosse, denn trotz vieler Jahre Marktführerschaft mit Android ist es Google bislang nicht gelungen seine Entwickler zu motivieren, ihre Apps vernünftig auf Tablets anzupassen. Die meisten Android-Apps sind auf Tablets einfach nur aufgeblasen und bieten nicht den Mehrwert, den sie bieten könnten.

Da Dual Display nicht nur für Microsoft, sondern unabhängig davon auch für Google ein großes Thema ist, sind beide Unternehmen auf einer gemeinsamen Mission, die Entwickler für diese Idee zu begeistern. Microsoft geht mit dem Surface Neo ins doppelte Risiko, genau aus diesem Grund bin ich mir aber sicher, dass die beiden Geräte ein neues Kapitel der plattformübergreifenden Entwicklung aufschlagen werden. Es ist ganz sicher kein Zufall, dass beide Geräte bei der Präsentation das gleiche Hintergrundbild zeigten. Dass hier zwei verschiedene Betriebssysteme zum Einsatz kommen, soll auf den ersten Blick überhaupt nicht auffallen.

Ich halte es für völlig ausgeschlossen, dass man die Entwickler davon überzeugen kann, die gleiche Arbeit zweimal zu machen. Die Entwicklerstory kann und darf daher nur so aussehen: Wer Apps für das Duo schreibt, schreibt sie auch fürs Neo – und umgekehrt. Wie das realisiert wird, bleibt abzuwarten. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Microsoft seiner Universal Windows Platform eine weitere Technologie hinzufügt und somit anschließend die Idee von „plattformunabhängigen UWPs“ vermarkten kann.

Wie auch immer: Nur weil die Geräte sexy aussehen und zwei hochwertige Displays haben, verkaufen sie sich noch nicht automatisch. Was benötigt wird, sind Apps, die das Potenzial dieser neuen Kategorie ausschöpfen und uns pfiffige Lösungen servieren, die dazu führen, dass wir eben nicht nur die Hardware, sondern auch die Software unbedingt haben wollen.

Die Entwickler dafür an Bord zu bekommen, wird eine anstrengende Aufgabe. Microsoft ist darüber hinaus noch in einem weiteren Punkt gefordert: Sie müssen es endlich schaffen, voran zu gehen. Microsofts Apps für Surface Neo und Duo müssen echte Referenzwerke werden, die zum Nacheifern animieren. Die jüngere Geschichte macht es schwer, in diesem Punkt optimistisch zu sein, denn Microsofts erste UWP-Apps wirkten, als fingen sie selbst gerade erst an, ein bisschen mit der Plattform herumzuspielen. Das darf sich nicht wiederholen: Wenn die Hardware serienreif ist, müssen es auch die Apps sein.

Abgesehen von den Apps ist noch eine weitere Frage extrem spannend: Wo platzieren sich diese Geräte? Das Surface Neo stellt laut Microsoft eine völlig neue Kategorie dar, da mag man ihnen nicht widersprechen. Am ehesten ähnelt es einem Laptop, weshalb  ich mir zwei Fragen stelle:

  • Wer kauft das Surface Neo als Ersatz für sein Laptop?
  • Wer kauft das Surface Neo zusätzlich zu einem Laptop?

Diese konkrete Fragestellung ist vermutlich zu schwarz/weiß gedacht, denn jede neue Gerätekategorie, die sich letztlich erfolgreich etabliert hat, sah sich der Frage „wer braucht sowas“ ausgesetzt. Ich benutze diese provokativen Fragen daher eher dazu, meine eigenen und auch eure Gedanken anzuregen. Ich bin oft unterwegs und empfinde es manchmal als lästig, das Laptop mitschleifen zu müssen. Aber ich muss das tun, weil es unterwegs oft Arbeit gibt, die ich nicht am kleinen Smartphone erledigen kann und will. Bei solchen Gelegenheiten habe ich heute oft das Surface Go dabei und könnte mir künftig das Surface Neo an seiner Stelle vorstellen. Ich bin also Teil der Antwort auf die zweite Frage, ich kann mir gut vorstellen, ein Surface Neo zusätzlich zu einem Laptop zu besitzen (Die Frage, inwieweit das in finanzieller Hinsicht sinnvoll ist, klären wir dann an einem anderen Tag).

Beim Surface Duo liegt der Fall ganz ähnlich. Microsoft möchte nicht, dass wir es Smartphone nennen, weil es für sie in erster Linie ein Produktivitäts-Gerät ist. Die beiden Fragen von oben können wir also im übertragenen Sinne wiederholen:

  • Wer kauft das Surface Duo als Ersatz für sein Smartphone?
  • Wer kauft das Surface Duo zusätzlich zu einem Smartphone?

Es ist riskant, von der eigenen Meinung auf die Allgemeinheit zu schließen, auf die zweite Frage möchte ich aber trotzdem antworten: Niemand. Außer, er ist ein Fan und kauft sich das Gerät, weil er es einfach haben möchte. Das wird dann wohl wieder die Kategorie für mich sein…

Aber im Ernst, auch wenn sich das Surface Duo nicht für ein Smartphone hält, es wird sich mit genau dieser Geräteklasse messen müssen. Eine gute Kamera gehört dann zur Pflichtausstattung, und Panos Panay macht uns in einem Interview mit Wired keine allzu große Hoffnung, dass eine solche noch eingebaut wird (ich will weiterhin fest daran glauben, dass es ein Bluff ist).

Nun kann man sagen, eine gute Kamera ist was für Consumer. Das ist korrekt. Ebenso korrekt dürfte die Annahme sein, dass es Microsoft vollkommen egal ist, ob sich Consumer das Surface Duo kaufen oder nicht, obwohl es natürlich auch ein fantastisches Handheld für Project xCloud ist. Wenn wir aber nun mal davon ausgehen, dass Microsoft nicht der einzige Hersteller eines Android-Smartphones mit zwei Bildschirmen bleiben wird und andere wie z.B. Samsung eine erstklassige Kamera mitliefern – wofür wird sich dann der Business-Kunde entscheiden, der das Gerät natürlich auch in der Freizeit bei sich trägt?

Ich hoffe, dieser Beitrag kommt nun nicht zu kritisch oder gar negativ rüber. Vielleicht versuche ich tatsächlich, mich vor meiner eigenen Euphorie zu schützen, die nach wie vor vorhanden ist. Könnte man die beiden Geräte heute schon vorbestellen, ich würde vermutlich keine Sekunde zögern. Ich versuche aber dennoch, die Herausforderungen zu sehen und zu benennen, vor denen Microsoft mit dieser großen Dual-Display-Wette steht.

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Martin Geuß
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Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!
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