Surface Pro X gegen Surface Laptop 3: Wer ist hier eigentlich "always on"?

Surface Pro X gegen Surface Laptop 3: Wer ist hier eigentlich "always on"?

Ein PC, der sich wie ein Smartphone verhält, also ständig auf Knopfdruck einsatzbereit ist – das war bis vor nicht allzu langer Zeit nur ein schöner Traum. Mit Windows on ARM sollte dieser Traum von „always on, always connected“ wahr werden. Das wurde er auch, allerdings hat Intel auf der x86-Plattform inzwischen aufgeholt. Beim Surface Pro X zeigt sich außerdem, dass „immer an“ nur mit Einschränkungen gilt. Dabei stolpert das Gerät von Microsoft ausgerechnet über hauseigene Software.

Aber der Reihe nach: Das Surface Laptop 3 mit AMD-CPU habe ich nach kurzer Zeit wieder zurück gegeben. Kurz darauf habe ich mir allerdings die Intel-Variante in 13 Zoll zugelegt. Wie schon der Vorgänger verfügt das Surface Laptop 3 über „Instant on“, das mit der neuen Generation nochmals viel besser geworden ist. Klappt man das Surface Laptop 3 auf und hat die Anmeldung per Windows Hello eingerichtet, ist man in weniger als drei Sekunden arbeitsfähig.

Ich habe noch nicht herausgefunden, nach welcher Zeit das Gerät in den Ruhezustand wechselt, aus dem das Aufwachen ein wenig länger dauert, es dürften aber mindestens 15 Stunden sein. Über Nacht bleibt das Surface Laptop 3 im Standby und verbraucht dabei auch nur moderat Strom. Im bisher beobachteten Durchschnitt gehen in 12 Stunden etwa vier Prozent Akku-Kapazität verloren.

Würde das Surface Laptop 3 mit „always on“ beworben, ich würde nicht widersprechen.

Kommen wir nun zum Surface Pro X. Grundsätzlich funktioniert „always on“ hier noch besser. Nach der ersten Nacht (etwa 12 Stunden Pause) klappte ich es auf, und noch ehe der Bildschirm richtig hell wurde, war ich auch schon eingeloggt. Akkuverlust über Nacht: Gar keiner, er stand immer noch bei 100 Prozent.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht sehr viel Software installiert, vor allen Dingen noch keine x86-Software. Das tat ich am zweiten Tag, und nach der zweiten Nacht erwartete mich eine unangenehme Überraschung: Das Gerät war aus. Ich musste es über den Power-Button wieder einschalten und es dauerte etwa 30 Sekunden, ehe ich wieder angemeldet war. Der Ladestand der Batterie war von 68 auf 57 Prozent gefallen. Dieses Spiel wiederholte sich in den folgenden Nächten mit einem Verlust von 6-7 Prozent.

Meine Vermutung: x86-Programme, die beim Zuklappen noch aktiv sind, hindern das Gerät daran, in den effektiven Stromsparmodus zu wechseln. Auf die dauerhafte Beanspruchung des Akkus reagiert das System dann irgendwann und fährt sich herunter, um eine komplette Entladung zu verhindern.

Die Vermutung bestätigte sich sofort, als ich zwei dauerhaft aktive x86-Programme, nämlich Microsoft Teams und SnagIt 2020, vor dem Zuklappen manuell beendete. Zehn Stunden später war das Surface Pro X beim Aufklappen sofort da und hatte 1 Prozent Akku-Kapazität eingebüßt. Wenn nur SnagIt aktiv ist, geht das Pro X auch irgendwann aus, es dauert aber länger und der Verlust an Akkuleistung ist wesentlich geringer. Ausgerechnet Teams setzt dem Pro X in dieser Hinsicht besonders zu.

Die bisherigen Erkenntnisse lassen sich also wie folgt zusammenfassen: Windows on ARM bietet ein „always on“, mit dem die x86-Plattform noch nicht mithalten kann. Das gilt allerdings nur, so lange native Anwendungen benutzt werden. Sobald unter Windows on ARM die x86-Emulation ins Spiel kommt, wird aus dem Vor- ein Nachteil. Teams und SnagIt laufen auf meinem Surface Laptop 3 übrigens auch, das Verhalten ist also absolut vergleichbar.

Man kann es der Plattform nicht anlasten, dass sie ihre Stärken (Performance, Akkulaufzeit, Always on) nicht ausspielen kann, wenn sie etwas tun muss (x86 Software ausführen), wofür sie eigentlich nicht geschaffen wurde. Das Fazit „Beim Surface Laptop 3 wird das Versprechen von „Always on“ trotz x86 besser eingelöst“ ist also in technischer Hinsicht unfair. Wahr ist es aber dennoch, denn „dummerweise“ interessiert sich der Kunde nicht für technische Fairness, er schaut einfach nur, was besser funktioniert.

Ich wünsche mir, dass es klappt mit Windows on ARM. Und darum ärgert es mich maßlos, dass ausgerechnet Microsoft seiner eigenen Plattform Knüppel zwischen die Beine wirft. Warum gibt es Teams nicht als native ARM-App oder als PWA?

Die Lösung für das Surface Pro X ist einfach: Runter mit dem Teams-Client und „Installation“ von Teams als Pseudo-App über den Edge-Browser. Das hat keine negativen Begleiterscheinungen, die Web-Version ist außerdem performanter und zumindest für mich macht es funktional keinen Unterschied.

Mit jedem Tag, den ich das Surface Pro X länger nutze, wird meine gedankliche Zwickmühle größer: Meine Begeisterung für Windows on ARM wächst und wächst, denn das Pro X funktioniert viel besser und Windows on ARM hat viel mehr Potential, als ich das erwartet hätte. So nah am „richtigen Windows“ waren wir mit einem neuen technischen Ansatz noch nie. Das kann jetzt wirklich funktionieren. Mit einem nüchternen Blick auf die aktuelle Realität muss man aber eben auch feststellen, dass Windows on ARM seine Stärken aktuell noch nicht ausspielen kann und daher immer weniger Gründe übrig bleiben, warum man es heute schon einem „klassischen“ x86-Device vorziehen sollte.

Über den Autor
Martin Geuß
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Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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Kommentare
  1. Always on ist eine wirklich angenehme Entwicklung.
    Laptop schließen und nahezu zeitnah nach dem Öffnen wieder dort weiter machen wo man aufgehört hat, großartig
    Ein "always-on" welches zu vorherigem Schließen aller eventuell störenden Apps zwingt ist leider sinnfrei.
    Und wieder ist es Microsoft selbst die zeigen wie es nicht sein soll aber die Entwickler sollen so schnell wie möglich für alle neuen Formate entwickeln und anpassen....ist das Arroganz, Ignoranz oder Dummheit?
    Ohne technisch tiefer in's Detail zu gehen: Das was Martin hier beschreibt und alle als technische Errungenschaft im Hause Microsoft feiern, macht eine Freundin mit ihrem uralt Mac Book Pro schon seit Jahren...aufklappen, arbeiten, zuklappen usw. usw.
    aufklappen, arbeiten, zuklappen

    Das mache ich mit meinen Windows Laptops auch schon seit vielen Jahren.
    Always connected bedeutet aber mehr, z.B. der automatische Empfang von E-mails, Benachrichtigungen usw. - also alles, was Handys und Tablets so im Hintergrund machen.
    Eine eingebaute e-SIM-Karte sorgt dafür, daß das auch funktioniert, wenn gerade kein WLAN zur Verfügung steht.
    Daß das Akku-Strom kostet muß klar sein, man muß schauen, ob das für die perönlichen Arbeitsgewohnheiten ok ist.
    M.W besteht der Unterschied darin, das bestimmte Prozesse am laufen gehalten werden und Rest pausiert wird. Im Standby wird im Grunde alles pausiert und beim Zuklappen ohne Standby laufen alle Prozesse weiter. Letzeres kostet Energie.
    Wer nicht Sklave der Moderne ist und nicht reflexartig auf jedes Ping anspringt, für den dürften sich nur geringe Vorteile ergeben.
    Das Surface Pro 7 geht nach 4320 Minuten in den Ruhezustand.
    Das sind 72 Stunden oder 3 Tage.
    Connected Standby heißt übrigens, dass das Gerät im Standby bei neuen E-Mails, generell Nachrichten aus Messengern oder Skype Anruf aufwacht und dich informiert. Das geht mit normalen Notebooks nicht.
    Das Pro4 meiner Frau meldet sich auch gelegentlich - sehr nervig
    Deswegen - Klappe zu Affe tot- immer noch das beste. :D
    Ja, das muss ich unbedingt noch niederschreiben. Pauschal kann man aber sagen "um Welten besser".
    Das Fazit ist das gleiche wie bei sehr viele MS Geräten....toll aussen und sehr viel Potential, aber die von MS selber erschaffene und richtig hart vernachlässigte Plattform macht das alles zunichte. Bin sehr gespannt wie hart W10X dran leiden wird.
    Mein letztes Gerät welches wirklich auf Knopfdruck sofort arbeitsbereit war: Psion Netbook (vor 19 Jahren, Epoc32). Mit dem kleinen Teil konnte ich 9 Stunden ohne Strom aus der Steckdose arbeiten.
    @Willi Windows
    Genau. Connected Standby kam mit Windows 8 und der Atom-Plattform.
    Hab ich aber abgeschaltet um Strom zu sparen und selber gezielt Suspend to RAM und Ruhezustand nutzen zu können.
    Läuft denn im im Artikel beschriebenen Modus alles immer weiter? Also kann ich z.B. immer per RDP verbinden oder auf Netzwerkfreigaben zugreifen?
    Die Symptome, welche Martin beschreibt, bedeuten für mich connected Standby/ always on unter Windows/WoA hat ein Softwareproblem. Native desktop apps können nicht damit umgehen. Ist ihrer DNA geschuldet. Wenn das System irgendwie aktiv läuft laufen solche nicht geschlossenen Apps auch weiter aber weitestgehend ,,unkontrolliert", heißt sie kümmern auch nicht um den Energieverbrauch und Windows auch nicht bzw. kann es nicht. Im Nachgang betrachtet eigentlich logisch.
    Also dann liebe ,,Riesenklapphandy"(oderWoA) Liebhaber - keine Desktop Apps installieren oder zumindest vorm Zuklappen ausknipsen (was natürlich workflowmäßig dämlich wäre).
    Als ich mir damals das Surface 3 nach einem iPad Air zulegte, war eins der größten Ärgernisse, dass es jedes Mal viel zu lange zum Booten brauchte. Als Tablet war es so kaum nutzbar und ich habe es wieder verkauft. Irgendwann holte ich mir dann wieder in iPad Pro, mit dem ich aber leider nur eingeschränkt arbeiten konnte. Also kaufte ich mir das Surface Pro 6 und das verhält sich bzgl. Always on nun wirklich fast genau so, wie ein iPad. Ich kann es problemlos für mehrere Tage in die Schublade legen und trotzdem ist es dank Windows Hello per Gesichtserkennung nach dem Aufklappen des Type Covers binnen weniger Sekunden einsatzbereit. Und der Akku verliert in der Zeit der Nichtnutzung kaum etwas von seinem Ladezustand. Das ist deutlich besser gelöst, als bei dem Android-Gerät, das ich auch mal zwischendurch hatte (Lenovo Yoga Book). Bei dem war der Akku spätestens nach ein paar Tagen der Nichtnutzung komplett leer, was mich jedes Mal zur Weißglut brachte.
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