Vivaldi: Der europäische Browser für alle Fälle?

Vivaldi: Der europäische Browser für alle Fälle?

Wenn es um den Einsatz von Browsern geht, bin ich heute den überwiegenden Teil meiner Zeit mit Microsoft Edge unterwegs. Gleichzeitig bin ich aber auch ein riesiger Fan vom Vivaldi Browser, der seit einigen Jahren von ehemaligen Opera-Angestellten und unter der Leitung von Opera-Gründer Jon von Tetzchner vor allem in Norwegen und Island entwickelt wird. Manche bezeichnen ihn aufgrund des großen Funktionsumfangs als Bloatware, für Poweruser wie mich reduziert er aber die Abhängigkeit von Erweiterungen massiv und bietet ein umfassendes Paket für die Arbeit an.

Auch in Zeiten der Pandemie gibt das kleine Unternehmen weiter Gas. Im vergangenen Jahr wurde unter anderem ein neuer Notizenmanager in den Browser integriert und Vivaldi für Android wurde für stabil und damit als reif für den produktiven Einsatz in die Allgemeinheit entlassen. Einen weiteren großen Schritt gehen die Entwickler seit dem vergangenen November, als die Technical Preview des kommenden Mailclients M3 auch für die Öffentlichkeit gestartet ist. Parallel dazu haben die Entwickler auch einen Feedreader sowie einen Kalender integriert, der im weiteren Verlauf auch die Synchronisation mit Outlook sowie Google Kalender erlauben wird.

Vivaldi ist von den Nutzerzahlen her immer noch ein Zwerg. Das Unternehmen weist aktuell etwa 2,2 Millionen aktive Nutzer aus, im Vergleich dazu hat Brave zuletzt die Schallmauer von 25 Millionen Nutzern durchbrochen und die fünf großen Browser Chrome, Opera, Edge, Firefox und Safari gehen ohnehin mindestens in die dreistelligen Millionenzahlen. Was den Entwickler und seine Produkte aber von den anderen Mitbewerbern unterscheidet, sind verschiedene Ansätze. Vivaldi ist ähnlich wie der ältere Opera-Browser oder SeaMonkey eigentlich eine Browser-Suite, parallel dazu hat das Team mit den Blogs, Vivaldi Mail und Vivaldi Calendar auch einige eigene Services für seine Nutzer aufgebaut und im jüngsten Snapshot auch einen eigenen Übersetzer integriert, der vom Unternehmen selbst gehostet wird und auf der Technologie des zypriotischen Anbieters LingvaNex setzt. Außerdem ist das Unternehmen vollständig in der Hand der Mitarbeiter und kommt ohne externe Investoren aus.

Nun mag sich der Beitrag vielleicht wie eine Art von Werbung anhören und manche Entscheidung wie die Integration des Games Vivaldia in den Browser kann man sicherlich auch hinterfragen, aber meine Intention ist hier eine ganz persönliche. Tatsache ist, dass Vivaldi, wenn wir Opera als Unternehmen mit seinen chinesischen Eigentümern einmal rausrechnen, eigentlich der europäischte alle Browser ist und wir als Europäer auch mehr eigene Unternehmen abseits der USA und Asien unterstützen sollten. Die Integration von Funktionen in den Kernbrowser macht außerdem bei den Chromium-Browsern immer mehr Sinn, denn sowohl Google als auch Microsoft hatten in ihren Stores in der Vergangenheit größere Probleme, entsprechenden Unrat von Anfang an draußen zu halten. Das bevorstehende Manifest V3, das Google noch in diesem Jahr umsetzen dürfte, ist noch ein weiterer Grund, um auf unnötige Abhängigkeiten zu bei den Erweiterungen zu verzichten.

Der wichtigste Punkt geht in diesem Fall aber an die Firefox-Nutzer, die neben Microsoft Edge vielleicht nach einer ähnlich leistungsstarken Alternative auf Chromium-Basis suchen. Da Firefox ein OpenSource-Projekt ist, wandert der Blick in der Community in der letzten Zeit fast schon naturgemäß immer nach Brave. Nun ist Brave an sich kein schlechter Browser, aber das Unternehmen dahinter ist durchaus mit einem Interessenkonflikt konfrontiert. Mit der Übernahme von Tailcat ist seit Kurzem auch das deutsche Unternehmen Hubert Burda Media als Stakeholder an Brave beteiligt, zum anderen hat CEO Brendan Eich in den vergangenen Jahren etliche Millionen USD an Risikokapital von Investoren wie Peter Thiel, der mit seinem Geld auch so erfolgreiche wie umstrittene Unternehmen wie Facebook, PayPal und Palantir groß gemacht hat, eingesammelt und muss in irgendeiner Form auch seine Nutzerbasis monetarisieren, um die Erwartungen der Geldgeber zu erfüllen.

Natürlich muss das nicht zwingend zu Lasten von Datenschutz und Privatsphäre der Nutzer gehen. Brave hat neben dem eigenen Basic Attention Token als Kryptowährung auch andere Optionen wie einen bezahlten VPN-Service, ein eigenes Werkzeug für Videokonferenzen auf Basis von Jitsi oder eine kostenpflichtige Variante der kommenden Brave Search in der Pipeline. Trotzdem ist es nicht gleichwertig mit einem von Mitarbeitern geführten Unternehmen oder einer Stiftung wie der Mozilla Foundation, was wichtige Themen wie das Vertrauen betrifft. Mit einem entsprechenden Interessenkonflikt ist Brave übrigens nicht mehr alleine, auch der Telegram Messenger hatte trotz aller Bekundungen, man wolle unabhängig bleiben und werde nie verkaufen, mit dem Einstieg von mehreren arabischen und anderen Investoren für mehr als 1 Milliarde USD für Schlagzeilen gesorgt. Das Problem ist hier die Ausgabe als Wandelanleihen. Werden sie nicht rechtzeitig zurück gezahlt, erhalten die Investoren Stimmrechte und Telegram verliert seine Unabhängigkeit.

Meine Entscheidung, Vivaldi damals neben Microsoft Edge und Mozilla Firefox in mein Kerntrio zu nehmen und die leidige Pflichtinstallation von Chrome hier möglichst außenvor zu lassen, habe ich damals ganz bewusst getroffen. Safari gibt es für Windows nun seit fast neun Jahren nicht mehr, Opera ist wegen seinen chinesischen und für sich auch durchaus umstrittenen Eigentümern für mich ein schwieriger Kandidat und bei Brave kann man einen gewissen Interessenkonflikt einfach nicht ignorieren. Für manche Nutzer wirkt Vivaldi aufgeblasen und hat vor allem beim Start des Browsers eine etwas schlechtere Performance als seine Mitbewerber. Dem kann man aber durchaus begegnen und die Entwickler haben hier zuletzt auch schon nachgebessert.

Letztlich ist für mich besonders wichtig, dass ich einerseits die Personen hinter dem Projekt gut einschätzen kann, weil Jon von Tetzchner auf zahlreichen Konferenzen und in Interviews schon zu seinen Opera-Zeiten immer eine klare Haltung hatte, und dass das Unternehmen auch sonst sehr transparent mit allen möglichen Fragen zur Finanzierung und anderen Punkten umgeht. Man kann es Vivaldi nur wünschen, dass ihre Nutzerzahl einen großen Sprung nach vorne macht und dass sich vor allem die Europäer auch trauen, dem Projekt eine größere Chance zu geben und sie sich so ein bisschen mehr aus der Umklammerung von den USA und Asien lösen. Verdient hätten es die Entwickler definitiv.

Artikel im Forum diskutieren (15)

Über den Autor
Kevin Kozuszek
  • Kevin Kozuszek auf Twitter
Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden, daneben schlägt mein Herz aber auch für die OpenSource-Welt, wo mein besonderes Interesse der Mozilla Foundation gilt. Wenn ich mich mal nicht mit Technik beschäftige, tauche ich gerne in die japanische Kultur mit all ihren Facetten ab oder widme mich einem meiner zahlreichen anderen Hobbies.
Nach oben