Am Puls von Microsoft

Was Microsofts neue Organisation für Windows und Consumer bedeutet

Was Microsofts neue Organisation für Windows und Consumer bedeutet

Microsoft hat den umfangreichsten Umbau der Konzernstruktur seit dem Amtsantritt von Satya Nadella angekündigt. Dazu gehört, dass der bisherige Windows-Chef Terry Myerson das Unternehmen in den kommenden Monaten verlassen wird. Während ich sowohl den Umbau als auch die Personalie selbst begrüße (siehe dazu mein Kommentar), stellt sich natürlich – ganz besonders für unsere Leserschaft – die Frage: Welche Auswirkungen wird das auf Windows haben? Und wird Microsoft jetzt für Consumer wieder interessanter?

Um euch nicht mit einer schlechten Stimmung aus diesem Artikel zu entlassen, greife ich zu bewährter Psychologie: Erst zerstören, dann wieder aufbauen.

Erstens: Nein, Microsoft wird nicht mehr zu einer Consumer-Company werden. Wobei wir uns ganz ehrlich fragen müssen, ob sie das denn überhaupt jemals waren. Es gab viele Dinge, von Zune über Groove zu Windows Phones, die ein paar Consumern Spaß gemacht haben. Ein erfolgreiches Consumer-Unternehmen ist Microsoft aber noch nie gewesen, und mit der neuen Organisation ziehen sie sich noch weiter aus diesem Bereich zurück. Lasst uns diesen Punkt aber erst mal zurück stellen.

Zweitens: Die neue Struktur macht unmissverständlich klar: Windows hat keine Priorität mehr für Microsoft. Die Überschrift von Satya Nadellas Rundschreiben an die Mitarbeiter lautet: „Embracing our future: Intelligent Cloud and Intelligent Edge“ – zu Deutsch: „Die Zukunft im Blick: Intelligent Cloud und Intelligent Edge“. Hier kommt Windows nicht vor (mit Edge ist hier natürlich nicht der Browser gemeint, sondern Edge Computing, welches ich hier erklärt habe).

Um die Herabstufung der Wichtigkeit von Windows noch etwas besser zu verstehen, muss man auf die neue Struktur schauen: Terry Myersons Nachfolger Rajesh Jha ist der Leiter von „Experiences und Devices“, Windows kommt in seinem Jobtitel nicht vor. Der Windows-Chef ist jetzt Joe Belfiore, der Jha untersteht, wobei Belfiore für die User Experience zuständig ist. Der Unterbau selbst, also die eigentliche Windows-Plattform, liegt in der Verantwortung von Scott Guthrie. Windows wird „zerrissen“ und degradiert, und um das ganz bildlich auszudrücken: Wenn sich das Top-Management bei Microsoft um Satya Nadella versammelt, dann wird niemand mehr am Tisch sitzen, der mit der Stimme von Windows spricht. Das war bisher Myerson, dessen Rolle gibt es in dieser Form aber nun nicht mehr.

Das bedeutet nicht, dass Windows auf’s Abstellgleis geschoben wird. Microsoft stellt sich jedoch einer Realität, die ich an dieser Stelle ebenfalls schon mehrfach thematisiert habe. Windows ist nicht mehr der Dreh- und Angelpunkt, der es einmal war. Früher musste alles, was Microsoft tat, am Ende des Tages darauf ausgelegt sein, die Position von Windows zu stärken, denn das war das Produkt, mit dem am meisten Geld verdient wurde. Diese Zeiten sind vorbei, mit Betriebssystemen ist kein Staat mehr zu machen. Das Geld liegt jetzt in der Cloud, und Microsoft will ein großes Stück von diesem Kuchen haben.

Die neue Aufgabe von Windows wird es sein, der Cloud zu „dienen“ und Microsoft zu helfen, seine Visionen von Edge Computing, künstlicher Intelligenz und Mixed Reality zum Kunden zu bringen, gleichzeitig aber macht sich Microsoft in seinem Kerngeschäft gänzlich unabhängig von Windows. Das ist gut so, denn die Plattform wird zwar noch sehr lange überleben, aber es lässt sich nur schwer abschätzen, welche Relevanz Windows in 10-15 Jahren noch haben wird (ich glaube, ein PC wird in einer Privatwohnung bereits in ein paar Jahren so modern wirken wie heute ein VHS-Rekorder). Schon sehr lange sagt Microsoft: Ganz gleich, welches Endgerät jemand benutzt, wir wollen mindestens Teil des Rückgrats der jeweiligen Plattform sein. Es gibt freilich keine Garantie, dass dieser Plan erfolgreich umgesetzt werden kann, aber es ist allemal die größere Chance als das Festklammern an einer Plattform, die ihre besten Tage hinter sich hat.

An dieser Stelle verweise ich gerne nochmals auf diesen Beitrag: Mission Impossible? Warum die Erneuerung von Windows so schwer ist. Tenor: Microsoft kennt die Herausforderungen und weiß, dass es Windows modernisieren muss. Es ist allerdings offen, ob man sie lässt. Sie haben dieses Schicksal nicht selbst in der Hand.

Auch wenn Windows nicht mehr die zentrale Rolle spielt, so bin ich doch sicher, dass uns extrem spannende Zeiten bevor stehen. Die Windows-Plattform wandert wie gesagt zu Cloud-Chef Scott Guthrie, also dorthin, wo künftig die DNA von Microsoft programmiert wird. Windows wird auf genau diese Basis gestellt, was wiederum auch bedeutet, dass die Windows-Entwickler direkt an dieser Kernthemen „angeflanscht“ werden.

Und dann ist da natürlich Joe Belfiore. Der Mann, der Microsoft beinahe für immer verlassen hätte. Im Oktober 2015 kündigte er eine einjährige Auszeit an – in der Hoffnung, Terry Myerson ist nicht mehr da, wenn er zurück kommt, denn genau dessen Job hätte er gerne gehabt. Ich habe mich gewundert, dass er zurück kehrte, obwohl Myerson immer noch da war. Offensichtlich war er optimistisch, ihn aussitzen zu können, und nun schlägt seine Stunde. Bald werden wir von ihm hören, denn Satya Nadella schreibt:

Joe Belfiore wird Windows weiterführen und die Windows-Innovationen in Zusammenarbeit mit dem PC- und Geräte-Ökosystem vorantreiben. Die Zukunft von Windows ist glänzend, da wir neue Szenarien und Gerätekategorien entwickeln und es noch intensiver mit unseren Microsoft 365-Angeboten verbinden. Joe wird auf der BUILD ausführlich über die Windows-Roadmap sprechen.

(Womit nun endlich auch bestätigt ist, was ich seit Wochen im Zuge der BUILD-Berichterstattung immer wieder erwähnt habe, weil ich es aus zuverlässiger Quelle wusste, aber trotzdem so langsam Zweifel bekam).

Ich bin unfassbar gespannt und gleichzeitig optimistisch, dass Windows mit Belfiore einfach wieder mehr Spaß machen wird. Dass Windows nicht mehr so sehr im Fokus steht, bedeutet gleichzeitig auch mehr Freiheiten.

Kommen wir nochmals zurück zur Consumer-Frage. Weder Windows Phone noch Groove werden zurück kommen, das ist klar. Wenn hier in den letzten Monaten – oder man muss fast schon von Jahren sprechen – über Microsofts missratenes Consumer-Geschäft gesprochen wurde, dann drehte sich das meist um diese Themen. Es gibt aber noch so viel mehr. Da wäre natürlich Gaming zu nennen, oder der große Bereich Smart Home, Digitale Assistenten und alles, was zum Bereich „Ambient Computing“ gehört. Ich rechne nicht damit, dass Microsoft hier den großen Durchmarsch mit eigenen Geräten plant – oder besser gesagt, ich schließe es aus. Gleichwohl wird die Trennung zwischen Business-Nutzer und Consumer immer schwieriger, denn immer mehr Menschen sind nicht mehr für 8 Stunden täglich Business-Nutzer und 16 Stunden Consumer, sondern 24 Stunden beides – genau dieses Bedürfnis gilt es zu befriedigen, und zwar sowohl mit Soft- als auch mit Hardware. Ein reiner Backend-Lieferant zu sein, wird hier nicht funktionieren, und darum bin ich im Gegensatz zu manch anderen Analysten nicht der Meinung, dass die Consumer-Messe bei Microsoft gelesen ist. Es kommt eben nur darauf an, was man darunter versteht.

Aber selbst wenn Microsoft sich vollumfänglich von allen Consumer-Themen zurück zieht, ist das eine Verbesserung im Vergleich zum aktuellen Zustand – es wird dann nämlich auch keine Enttäuschungen mehr geben. Für mich, dessen Fokus ohnehin eher auf Produktivität liegt, wird es auf absehbare Zeit noch genug von und mit Microsoft geben, mit dem ich mich beschäftigen kann. Und darum bleibe ich auch vorerst hier – falls sich da vielleicht jemand schon Sorgen oder Hoffnungen gemacht haben sollte.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

Anzeige