Am Puls von Microsoft

Windows 10 on ARM: Einladung zum kurzen Wechsel des Blickwinkels

Windows 10 on ARM: Einladung zum kurzen Wechsel des Blickwinkels

In Kürze wird auch hierzulande das erste Windows 10 on ARM-Gerät auf den Markt kommen. Das ASUS NovaGo wird vorerst auch das Einzige seiner Art bleiben, HP wird das Envy x2 in der ARM-Version vorerst nicht nach Deutschland bringen (mir wurde gesagt, die Pläne könnten sich je nach Bedarf ändern, genau aus diesem Grund halte ich das aber für eher unwahrscheinlich). Beim Lenovo Miix 630 sieht es wohl ähnlich aus.

Wie regelmäßige Leser wissen, bin ich von Windows 10 on ARM in Verbindung mit dem Windows 10 S Mode sehr angetan, für mich stellt das die Zukunft von Windows dar. Die Probleme der Gegenwart kenne ich natürlich, dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – möchte ich die Skeptiker zu einem kurzen Wechsel des Blickwinkels einladen.

Aber der Reihe nach: Aus den USA erreichen uns die ersten Reviews, exemplarisch verweise ich auf das von TheVerge. Er fasst im Grunde die Vor- und Nachteile ganz gut zusammen, leider wurde für die Berichterstattung auf deutschen Seiten aber nur das Negative rausgepickt, und den Tenor könnte man mit „naja, wird wohl doch nix“ umschreiben. Entsprechend lesen sich dann auch die Leserkommentare dazu.

Ich habe mich darüber sehr geärgert, auch darüber, dass man Berichte auf der Basis von Hörensagen schreibt, aber ich gebe gleichzeitig gerne zu: Hätten sich die Reviews vor Begeisterung überschlagen, hätte ich es mit hoher Wahrscheinlichkeit aufgegriffen. So bleibt es aber vorerst bei meinen eigenen ersten Eindrücken.

Es gibt sehr gute Gründe, jetzt noch kein Windows 10 on ARM-Gerät zu kaufen. Es ist nicht mit 64 Bit Anwendungen kompatibel und es laufen auch nicht alle Apps und Spiele aus dem Store. Paul Thurrott hat den Status Quo in einem aktuellen Beitrag sehr gut zusammengefasst. Nach wie vor gebe ich zu bedenken, dass vielen Standard-Heimnutzern die Beschränkungen womöglich gar nicht erst auffallen, aber das soll nicht der Punkt sein. Ich habe keinerlei Schmerz mit der Feststellung, dass Windows 10 on ARM noch nicht ausgereift ist. Sehr wohl habe ich aber ein Problem mit Aussagen, die schon jetzt von „Dead on Arrival“ sprechen oder gar den völlig unpassenden Vergleich mit Windows RT anstellen.

Und damit kommen wir zum erwähnten Wechsel des Blickwinkels. Lasst euch doch mal bitte auf folgendes Gedankenspiel ein: Angenommen, dieses System hieße nicht Windows on ARM, sondern anders. Der Hersteller wäre auch nicht Microsoft, sondern ebenfalls ein anderer – von mir aus Google. Ja, stellen wir uns doch einfach vor, Google hätte in Kooperation mit Qualcomm ein Notebook vorgestellt, auf dem 98 Prozent aller Windows-Anwendungen laufen. Für die, die nicht funktionieren, würde Qualcomm ein SDK bereit stellen, damit sie angepasst werden können. Dann hätten wir all das, was Windows 10 on ARM ist, nur unter anderem Namen und nicht von Microsoft.

Die Medien würden es vermutlich als den „Windows-Killer“ feiern und in den Kommentaren würden Wetten abgeschlossen, wann Windows ausgerottet ist und Microsoft den Insolvenzantrag stellt. Das System wäre nicht „limitiert“, sondern „fast schon perfekt“ – zwei unterschiedliche Beschreibungen des selben Zustands. Es wäre etwas Neues und damit Cooles, dem man aufgeschlossen und mit Neugier begegnet. Hat noch Probleme? Egal, lass die doch mal erst mal weiter dran basteln.

Diese Aufgeschlossenheit und Neugier scheint Windows on ARM nicht vergönnt – was mich wieder zu dem Punkt bringt, dass es etwas mit dem Namen zu tun hat. Dabei ist es genau das, was ich oben beschrieben habe: Es ist der „Windows-Killer“, denn es ist angetreten, um all das zu töten, was wir an Windows nicht mögen: Verrostende Performance, Dateileichen aus alten Programminstallationen, Probleme mit dem Standby, bescheidene Akkulaufzeiten und so weiter.

Ich schrieb es schon oft und ich werde es vermutlich noch oft wiederholen: Wenn Microsoft keinen Windows-Nachfolger baut, dann wird es jemand anders tun. Das klassische Windows wird in vielen Bereichen in den kommenden Jahren abgelöst werden, und Windows 10 on ARM ist nichts anderes als der Versuch von Microsoft, diese Ablösung selbst zu liefern. Passieren wird es so oder so.

Man sollte Windows on ARM in Verbindung mit dem S Mode darum mit der selben Neugier und Aufgeschlossenheit begegnen wie jeder anderen Windows-Alternative. Niemand hat gesagt, dass man es kaufen muss, das sollte man aktuell in der Tat nur dann tun, wenn man genau weiß, worauf man sich einlässt.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

Anzeige