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Windows 11: Die Weiterentwicklung versinkt im Chaos – ohne Aussicht auf Besserung

Windows 11: Die Weiterentwicklung versinkt im Chaos - ohne Aussicht auf Besserung

Nachdem sich Microsoft mit Windows 10 und den häufigen Featureupdates ein wenig verrannt hatte, schien sich mit Windows 11 eine Art Entschleunigung und eine Besinnung auf alte Tugenden anzudeuten. Das Gegenteil ist eingetreten, die Weiterentwicklung von Windows 11 ist vogelwild und chaotisch – und es scheint nur noch schlimmer zu werden.

Eine Sache vorweg: Ich bin grundsätzlich ein Freund der schnellen Weiterentwicklung, an den zwei Feature-Updates für Windows 10 habe ich mich beispielsweise nie gestört. Diese hatten außerdem einen klaren Fahrplan, den gibt es nun nicht mehr.

Das Unheil begann im Windows Insider Programm seinen Lauf zu nehmen. Die drei Kanäle Developer, Beta und Release Preview bauten früher aufeinander auf und neue Funktionen durchliefen diese chronologisch, ehe sie in die produktive Version integriert wurden. Inzwischen sind die Kanäle Developer und Beta ganz offiziell entkoppelt und keiner spezifischen Windows Version mehr zugewiesen, noch dazu werden neue Funktionen grundsätzlich immer nur an eine Teilmenge der Insider ausgeliefert.

Die Definition der einzelnen Kanäle kann man sich schenken, vereinfacht lässt es sich so ausdrücken: Im Insider Programm kommen neuen Funktionen irgendwann in irgendeinem Kanal für irgendjemanden. Dazu kommt noch, dass ein Wechsel zwischen den Kanälen in den meisten Fällen nur noch per Neuinstallation möglich ist.

Die Microsoft-Leute, die das Insider-Programm betreuen, sind reine Marketing-Menschen ohne echte Bindung an das Windows-Entwicklerteam. Man könnte meinen, das Windows Insider Team erfährt von den Neuerungen in einer Testversion selbst erst kurz vor deren Veröffentlichung, darum sind die Blogposts häufig falsch oder unvollständig.

Es ist kein Wunder, dass immer mehr Insider das Programm entnervt verlassen, weil sie sich nur noch wie Versuchskaninchen fühlen (was sie auch sind). Ich habe Microsoft aus den genannten Gründen kürzlich mitgeteilt, dass es mir quasi egal ist, ob sie im Januar meinen „Windows Insider MVP“ Titel erneuern oder nicht. Mal sehen, was passiert.

Das wäre aber alles noch nicht wirklich schlimm, ein Testprogramm darf im Grunde so chaotisch sein, wie es will, denn die Teilnahme ist ja freiwillig. Die eigentliche Katastrophe ist, dass genau dieses Chaos nun auch 1:1 in die produktive Version von Windows 11 übertragen wird.

Dabei schien alles perfekt darauf ausgerichtet, wieder mehr Ordnung ins System zu bekommen. Microsoft erklärte, dass man für Windows 11 nur noch ein großes Feature-Update pro Jahr ausliefern wolle.

Im Sommer erfuhren wir außerdem, dass Microsoft in Zukunft wieder zum traditionellen Release-Zyklus zurückkehren und alle drei Jahre eine neue Hauptversion von Windows veröffentlichen will. Weil es inzwischen viele Möglichkeiten gibt, neue Funktionen in Windows zu integrieren – neben den regulären Updates gibt es auch noch verschiedene „Experience Packs“, die über den Store aktualisiert werden – sollten funktionale Änderungen außerdem zu kleinen Sammelupdates zusammengefasst werden, die man intern als „Moments“ bezeichnet.

Eingetreten ist genau das Gegenteil davon. Seit der Veröffentlichung der Windows 11 Version 22H2, die zahlreiche Neuerungen enthielt, gab es ein halbes Dutzend Updates, und in beinahe jedem steckten neue Funktionen. Doch damit nicht genug: In den Updates stecken jetzt Neuerungen, die per Softwareschalter an- und ausgeschaltet werden können, ohne dass dafür erneut ein Update installiert werden muss. Für den Nutzer bedeutet das: Irgendetwas an Windows verändert sich einfach so und ohne Vorankündigung.

Dinge, die ins Insider-Programm gehören, wie beispielsweise der A/B-Test von neuen Funktionen oder deren gestaffelter Rollout, finden jetzt auch in der produktiven Version von Windows 11 statt. Die Suche sieht beispielsweise derzeit auf vielen Systemen unterschiedlich aus, und das neue Design von OneDrive, von dem man über das Windows Insider Programm übrigens nie etwas erfahren hat, rollt nach dem Zufallsprinzip aus.

Wenn man aktuell zwei Windows 11 Systeme identisch aufsetzen möchte, ist das so gut wie unmöglich bzw. es ist purer Zufall, ob das gelingt oder nicht, denn zwei Systeme auf dem exakt gleichen Versionsstand können dennoch unterschiedlich aussehen, die Entscheidung trifft das Microsofts Feature-Glücksrad, an dem man quasi mit jedem Neustart dreht.

Man könnte argumentieren, dass es sich hierbei einmal mehr um ein Enthusiasten-Problem handelt, denn mutmaßlich bekommt der Standard-Heimanwender davon gar nicht so viel mit. Ich frage mich allerdings, wie Unternehmen dazu stehen, dass sich an Windows 11 jederzeit nach dem Zufallsprinzip etwas verändern kann – ohne die Möglichkeit einer effektiven Kontrolle. Neue Funktionen stecken jetzt auch in Sicherheitsupdates und sind somit unvermeidlich.

Mit Panos Panay hat Windows seit einiger Zeit wieder einen echten „Chef“, der hat aber weder einen Entwickler-Hintergrund noch einen Blick für die Bedürfnisse der Geschäftskunden. Besser geworden ist unter seiner Führung jedenfalls nichts, im Gegenteil. Seine Berufung scheint mir inzwischen eher ein Marketing-Stunt denn eine strategische Entscheidung gewesen zu sein.

Die Aussichten für 2023? WindowsCentral klammert sich in seinem Ausblick weiter an die Theorie von den „Moments-Updates“, ich gehe aber davon aus, dass die Unordnung eher noch zunehmen wird, alle Anzeichen deuten darauf hin. Weil ich aber ein unverbesserlicher Optimist bin, habe ich die Hoffnung, dass Windows 11 in seiner Gänze nur ein groß angelegter Versuch ist und man bei Microsoft davon ausgeht, dass Unternehmen diese Version ohnehin überspringen, gut beraten wären sie damit allemal.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zuhause. Seit 15 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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