Windows und sein RAM-Bedarf: Wenn der Wahnsinn zur Vernunft zwingt
Windows 11 soll künftig sparsamer mit Arbeitsspeicher umgehen. Bisher empfahl Microsoft mindestens 16, besser noch 32 Gigabyte RAM, um mit Windows 11 vernünftig arbeiten zu können. Kritik am hohen Speicherbedarf ignorierte man in Redmond. Jetzt, wo Arbeitsspeicher sündhaft teuer geworden ist, geht es plötzlich doch.
Im letzten Statusupdate zur Windows-Qualitätsoffensive nannte Windows-Chef Pavan Davuluri die Optimierung für Systeme mit 8 Gigabyte Arbeitsspeicher eine der Hauptaufgaben bis zum Jahresende.
Zur Erinnerung: Windows 11 ist am 5. Oktober 2026 seit nunmehr fünf Jahren auf dem Markt. Die offiziellen Systemanforderungen setzen tatsächlich nur mindestens 4 Gigabyte RAM voraus. Derart schwach ausgerüstete Geräte waren allerdings schon vor fünf Jahren nur noch schwer zu bekommen. Die später nachgeschobene Spezifikation „Copilot+ PC“ verlangte nach mindestens 16 GB.
Das ist auch ohne KI-Nutzung inzwischen die Minimalausstattung. Windows 11 mit 8 GB Arbeitsspeicher zu betreiben, ist alles andere als ein Spaß. Insgesamt halte ich die Berichte, Windows 11 sei mit 8 GB RAM unbenutzbar, allerdings dennoch für übertrieben. Ich nutze selbst noch so ein Gerät. Es ist keine Rakete, aber es lässt sich im Büroalltag damit arbeiten.
Microsofts Spiele-Ratgeber empfahl bis vor einigen Wochen sogar mindestens 32 GB, diese Empfehlung hat man inzwischen einkassiert.
Teurer RAM und kein Ende in Sicht
Den Grund, warum Microsoft plötzlich auf dem RAM-Sparsamkeitstrip ist, kennen wir alle: Die Speicherpreise sind geradezu raketenhaft gestiegen. 16 GB RAM, vor Jahresfrist noch leicht für zweistellige Preise zu finden, kosten jetzt gerne mal 400 Euro oder noch mehr. Eine Entspannung ist nicht in Sicht.
Was einst als Maßnahme gedacht war, um den Absatz neuer PCs anzukurbeln, entpuppt sich jetzt als Bumerang: Mit großzügigen RAM-Empfehlungen wollte Microsoft suggerieren, dass ältere PCs nicht gut genug für Windows 11 sind und ein neuer her muss. Jetzt sind diese neuen PCs aber derart teuer geworden, dass jede Kaufentscheidung wohlüberlegt sein muss.
Es geht nicht nur um teure Neugeräte
Die versprochene Optimierung von Windows 11 für 8 GB RAM zielt aber nicht nur darauf ab, der Kundschaft entsprechend ausgestattete Neugeräte schmackhaft zu machen. Ob es eine gute Idee ist, solche Geräte zu kaufen, auch wenn die Optimierung gelingen sollte, bleibt ohnehin offen. Als zukunftsfähig würde ich solche PCs nicht betrachten.
Das größere Problem, welches Microsoft derzeit hat, heißt Windows 10. Es weigert sich hartnäckig, auszusterben. In vielen Firmen und Privathaushalten sind noch PCs mit 8 GB RAM im Einsatz. Aus Kostengründen versucht man vielerorts, einen Austausch zu vermeiden. Sofern man Windows 11 flott für diese älteren Geräte macht, öffnet sich eine Upgrade-Tür.
Die derzeitige Komponentenkrise ist ganz sicher ein Grund dafür, dass Microsoft unlängst ankündigte, die Unterstützung für Windows 10 noch bis Oktober 2027 weiterzuführen. Und wenn in ca. einem Jahr die Ankündigung folgt, noch einmal ein Jahr bis Oktober 2028 dranzuhängen, dann werden wir das schon lange vorher gewusst haben. Das Programm für Unternehmenskunden läuft ohnehin bis zu diesem Termin.
Die Geister, die ich rief
Microsoft ist bei diesem Problem gleich doppelt das Opfer seiner eigenen Strategie. Zunächst wollte man Windows 11 ganz bewusst unattraktiv für ältere PCs machen, damit die Hardware-Partner neue PCs verkaufen können. Jetzt muss man möglichst gesichtswahrend einen Rückzieher schaffen.
Für das eigentliche Problem, nämlich die sündhaft teuren Komponenten, ist Microsoft selbst mitverantwortlich. Die Redmonder sind einer der Hauptakteure im KI-Wettrüsten. Sie geben dreistellige Milliardenbeträge für ein Rennen aus, bei dem niemand das Ziel kennt und bei dem man jeden Tag ein wenig mehr das Gefühl haben muss, die Beteiligten hätten völlig den Verstand verloren.
Der Spielekonsolen-Effekt als Chance
Wenn eine neue Spielekonsole auf den Markt kommt, dann hat sie bestimmte Spezifikationen. Diese bleiben für einen langen Zeitraum konstant. Trotzdem entstehen während des Lebenszyklus der Konsole immer wieder neue Spiele, die noch besser aussehen als die vorherigen. Vergleicht man Spiele, die ganz am Anfang und ganz am Ende der Lebensdauer einer Konsole erschienen sind, so fällt es oft schwer zu glauben, dass sie auf der gleichen Hardware laufen.
Warum ist das so? Weil die Ressourcen begrenzt und festgeschrieben sind. Entwickler müssen mit dem auskommen, was da ist, und ihren Code entsprechend optimieren.
Eine solche Disziplin sucht man unter Windows vergeblich. Über viele Jahre haben die Nutzer das achselzuckend hingenommen. Wenn etwas nicht läuft, muss man eben aufrüsten. Genau das funktioniert derzeit aber nicht mehr. Eigentlich müsste man hoffen, dass die RAM-Krise noch möglichst lange dauert, damit die Entwickler wieder lernen, möglichst „sparsam“ zu programmieren.
Dann hätte diese Krise wie jede andere auch ihr Gutes. Allein, mir fehlt der Glaube.
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- Editorial
Über den Autor

Martin Geuß
Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als 19 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!


