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Bayern-Deal: Verhandlungen der Landesregierung mit Microsoft geraten zur Posse

DrWindows

Redaktion
Bayern-Deal: Verhandlungen der Landesregierung mit Microsoft geraten zur Posse
von Kevin Kozuszek
Microsoft Firmenlogo


Wenn man über das Bundesland Bayern eines sagen kann, dann, dass es gegenüber den 15 anderen Gliedstaaten immer einen sehr eigenen Weg gegangen ist. Während sich sowohl die europäische Ebene als auch Bund, Länder und Kommunen hierzulande zunehmend Gedanken über digitale Souveränität machen, arbeitet man in München derzeit am Bayern-Deal: Ein neuer Rahmenvertrag mit Microsoft im Gesamtwert von über 1 Milliarde Euro.

Damit will man nicht nur die IT-Infrastruktur des Landes auf allen Ebenen vereinheitlichen, auch Microsoft 365 soll samt Teams und Copilot dann flächendeckend und intensiv eingeführt werden. Dass sich die Koalitionspartner CSU und Freie Wähler dabei offensichtlich selbst nicht einig sind, macht die Sache mittlerweile unfreiwillig komisch. Im Zentrum dabei: CSU-Finanzminister Albert Füracker und FW-Digitalminister Dr. Fabian Mehring.

Kann ja mal passieren!

Füracker hatte sich zuletzt im Landtag in München bis auf die Knochen blamiert, wie es Kollege Günther Born zuletzt dokumentiert hat. So ließ er sich zu den Äußerungen hinreißen, dass Bayern bereits seit den 1960er-Jahren sowohl Software von Microsoft nutzt – Microsoft wurde erst 1975 gegründet – als auch in den 51 eigenen Vermessungsämtern seit dieser Zeit Open Source zum Einsatz kommt. Bedauerlicherweise gibt es die Open Source Initiative erst seit 1998. Kann ja mal passieren…

Gleichzeitig fliegen auch in der Staatsregierung selbst die Fetzen. Bereits am 12. Januar hat das dortige Digitalministerium eine Pressemitteilung von Dr. Fabian Mehring veröffentlicht, wo dieser vor den neuen geopolitischen Auswirkungen und gefährlichen Abhängigkeiten von US-Diensten warnt. Die Folgen davon hat unter anderem die Augsburger Allgemeine in einem Artikel aufgegriffen.

Entgegen aller Warnungen, die auch zunehmend von Unternehmensverbänden kommen, bestritt Füracker, dass man mit Microsoft neue Verträge aushandle, es würden schließlich nur ältere verbessert und vereinheitlicht. Man komme an Microsoft kaum vorbei und überhaupt werde Bayern nicht in eine neue Abhängigkeit mit Microsoft geführt. Oppositionsparteien wie die SPD warfen ihm bewusste Irreführung und gefährliche Ahnungslosigkeit vor. Den Streit im Kabinett beendete Ministerpräsident Dr. Markus Söder derweil mit einem Machtwort und verpasste seinem Digitalminister einen Maulkorb.

Fragliche Umstände

Die Kollegen bei Golem haben in dieser Woche eine umfassende Recherche veröffentlicht, die noch ein ganz anderes Bild auf diese Geschichte wirft. Demnach ist in Bayern nicht nur kein flächendeckender Einsatz souveräner Lösungen geplant, wie sie unter anderem von Schleswig-Holstein massiv vorangetrieben werden und wo nun auch der Deutsche Bundestag sowie der Bund selbst reagieren, auch die Vergabepraxis der Microsoft-Verträge findet seit Jahren schon ohne öffentliche Ausschreibung statt.

Hintergrund sind Unified-Support-Verträge, die ab 2021 schrittweise ältere Modelle abgelöst haben. Über die rechtliche Bewertung und ähnliche Geschichten kann man diskutieren. Tatsache ist jedenfalls, dass sie neben einem Geschmäckle und einer gewissen Intransparenz auch für enorme Kostensteigerungen für die Steuerzahler in Bayern sorgen. Demnach sind die Supportkosten durch Microsoft binnen fünf Jahren mal eben um 900 % in die Höhe geschossen.

Fehlende Verantwortung

Ich will diesen Beitrag eigentlich nicht mit einem zynischen Unterton versehen und es ist durchaus möglich, dass man frühere Versuche wie LiMux belächeln oder andere Aussagen von CSU-Finanzminister Füracker, dass ein Wechsel auf andere Lösungen zwar machbar, aber doch sehr mühsam ist, als Gegenargumente heranziehen kann. Spätestens die Ausrede, dass Bayerns Verwaltungen aufgrund der Rechenzentren im eigenen Bundesland jederzeit auf die sensiblen Daten zugreifen können, kann man aber nicht mehr durchgehen lassen.

Wir wissen das, weil Microsoft hier im Sommer 2025 büchstäblich über seine eigenen Füße gestolpert ist. Im Juni hatte sich Chefjustiziar Brad Smith auf den Weg gemacht und dem SPIEGEL ein Interview gegeben, wo er beschwichtigen und die Sorgen der Europäer zerstreuen wollte. Nur einen Monat später hat Anton Carniaux, Chefjustiziar von Microsoft France, das in einer Aussage, die er unter Eid vor der französischen Nationalversammlung machen musste, vollständig widerlegt. Mit anderen Worten: Bayerns Landesregierung übernimmt hier keine Verantwortung und wirft stattdessen mit Nebelkerzen und Blendgranaten um sich.

Dass solche Möglichkeiten für die aktuelle US-Administration durchaus zu einer ökonomischen Waffe werden können, zeigen nicht zuletzt die Sanktionen gegenüber dem Internationalen Strafgerichtshof. Dieser hat bereits Konsequenzen gezogen und ersetzt Microsoft durch die deutsche Lösung OpenDesk.

Beispiel Schleswig-Holstein

Nun bin ich bekanntermaßen selbst überzeugter Schleswig-Holsteiner, zwischen den Meeren geboren, aufgewachsen und bis heute hier wohnhaft. In meinem Bundesland läuft mit Sicherheit nicht alles perfekt und es gibt so einige Stellen, wo unsere Landesregierung in Kiel noch besser werden könnte, wenn es um ihre Digitalstrategie geht. Aber unterm Strich ist das, was bis heute von unserem derzeitigen Digitalminister Dirk Schrödter (CDU) da nach vorne gebracht wird, genau die richtige Strategie, die wir angesichts der geopolitischen Umwälzungen heute brauchen.

Das Schleswig-Holstein-Magazin des NDR brachte im Januar 2026 einen Bericht, wonach das Projekt aus Kiel zunehmend zum Vorbild für andere Bundesländer und Kommunen wird. Es untermauert aber letztlich einen Punkt, den ich selbst immer wieder anspreche: Die Entscheidung darüber, ob wir einen solchen Weg gehen müssen, müssen wir gar nicht mehr treffen, die wurde uns aufgrund der Veränderungen westlich und östlich von Europa bereits abgenommen. Neben den Umwälzungen und den belasteten Beziehungen nach Washington geht es dabei auch schlicht um Themen wie die Cybersicherheit, die eine immer größere Rolle einnehmen werden.

Dass man nicht von heute auf morgen alles loswerden kann, mag sein, und es stimmt auch, dass es mühsam ist und bleiben wird. Aber auch wenn Projekte wie wir mitten aus der Microsoft-Community stammen, gehört zur Realität mittlerweile leider dazu, dass im Zweifelsfall unsere eigene Unabhängigkeit, Sicherheit und ggf. sogar Durchhaltefähigkeit, sollte es zu Sanktionen kommen, absolute Priorität haben müssen. Alles andere wäre und ist unverantwortlich, und da geht es nicht nur um Unternehmen und öffentliche Stellen, sondern, wo möglich, wirklich auch um jeden einzelnen Privatnutzer, den wir hier nach Möglichkeit an die Hand nehmen müssen.

Der Beitrag Bayern-Deal: Verhandlungen der Landesregierung mit Microsoft geraten zur Posse erschien zuerst auf Dr. Windows.


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Microsoft Office/365 wird man nicht so einfach von jetzt auf gleich rauskicken können, weder in der öffentlichen Verwaltung noch in der Privatwirtschaft, dazu ist die Integration einfach zu tief. Ich bin aber dennoch der Meinung, das man zumindest eine Alternative (idealerweise europäisch) in der Hinterhand haben sollte, um nicht zu 100% von nur einem Anbieter abhängig zu sein. Dieses Prinzip sollte man eigentlich auch im Freistaat Bayern verstehen können.
 
Danke für den Beitrag. Es ist leider das Problem, dass in der Politik oft nur eine Vorführung stattfindet, wobei die Darsteller sich das Leben einfach machen wollen. Ich habe mich selber noch nicht viel bewegt, weil es mit Unterbrechungen verbunden ist, aber diese Abhängigkeit ist auch risikoreich.

Davon abgesehen erleben wir aber auch, wie Angst, Sorge und Frust von nationalistischen Bewegungen immer stärker genutzt werden, um schlecht informiertes Vorgehen zu rechtfertigen, das keines der Probleme löst, die durch das Verschlafen entstanden sind. In Amerika ist man nicht unbegründet in diese Situation gekommen, leider ist das keine Besonderheit des Landes; die Gefahr schleicht sich in vielen Ländern immer weiter ein.
 
Die im Beitrag zitierten Aussagen eines "Digitalministers" machen mir echt Sorgen.
Wenn ein Fachminister keine Ahnung hat von dem, was er leitet, sind dann etwa seine Berater genau so ahnungslos?
Dass Politiker eher schwatzen können, als fachkompetent zu sein, ist ja nun schon länger bekannt. Sollte man beim Postenverteilen nicht wenigstens etwas darauf achten, wem man was machen lässt?

Trotz unglaublich gestiegener Kosten bei Microsoft zu bleiben ist entweder arrogant oder dumm.
Gleichzeitig wollen die Bayern kleinere (ärmere) Bundesländer zusammenlegen um Kosten einzusparen (Länderfinanzausgleich). :unsure:
 
Die im Beitrag zitierten Aussagen eines "Digitalministers" machen mir echt Sorgen.
Du scheinst hier was zu verwechseln. Bayerns Digitalminister Mehring von den Freien Wählern hatte ja eindrücklich vor dieser Abhängigkeit von US-Diensten gewarnt, wurde dann aber von Markus Söder in die Schranken gewiesen und stummgeschaltet. Wer da tatsächlich diesen Blödsinn von sich gegeben hat, war der Finanzminister Füracker von der CSU.
 
@Bonnyblank Wobei die CSU da sowieso ein illustres Völkchen ist. Mir ist Horst Seehofer da immer noch gut in Erinnerung. Auf der einen Seite hat er mal die Debatte um Killerspiele hochkochen lassen und auch generell kein wirklich gutes Haar an Games gelassen.

Auf der anderen Seite hatte der mal Millionen Euro an Steuergeldern aus dem Freistaat in ein eigenes staatliches Videospiel versenkt, wo der Community gezeigt werden sollte, wie schön und vor allem fortschrittlich Bayern tatsächlich ist. Ich finde die Berichte dazu leider nicht mehr (ich meine, ich hab das damals bei WinFuture gelesen...), aber ich kann mich noch erinnern, dass in Bayern damals ein hochmodernes Pumpspeicherkraftwerk fertig gestellt wurde und im Videospiel musstest du dich dann hochleveln und dieses Kraftwerk war dann der Schauplatz für den Endboss.

Jedenfalls waren bei den Christsozialen nachher alle total erstaunt, wieso das ausgelacht wurde und diesen Rohrkrepierer von Voralpenstrategie keiner haben wollte...
 
Man regt sich einfach zu schnell über diese "Spezialisten" auf und verwechselt dann die Personen.
Alle in einen Sack stecken und draufhauen; man trifft immer den Richtigen!

Auf der anderen Seite hatte der mal Millionen Euro an Steuergeldern aus dem Freistaat in ein eigenes staatliches Videospiel versenkt, wo der Community gezeigt werden sollte, wie schön und vor allem fortschrittlich Bayern tatsächlich ist.
 
"Wenn man über das Bundesland Bayern eines sagen kann, dann, dass es gegenüber den 15 anderen Gliedstaaten immer einen sehr eigenen Weg gegangen ist. "
Ich schlage vor, dass wir Franken (die sehen sich eh nicht als Bayern) und Schwaben den Beitritt zu den umliegenden Ländern anbieten, den Freistaat Bayern (d. h. das übriggebliebene Kernland) exkommunizieren, die Stromkabel nach außen kappen.
Sollen sie AKWs in München bauen und den Atommüll in ihren Salzbergwerken, alternativ im Keller der MS-Zentrale oder bei Söders im Garten, lagen.
Auf BMW (benötige kein neues Auto mehr) und Paulaner-Bier (mein Bier kommt aus Franken) kann ich verzichten ;).
 
Auf BMW (benötige kein neues Auto mehr) und Paulaner-Bier (mein Bier kommt aus Franken) kann ich verzichten ;).
Das unterscheidet eben die Bayern von uns Schleswig-Holsteinern. ;) Die Bayern tragen beim Bier immer so dick auf...


Wir im Norden dagegen so...


Alles entspannter. :)

Wobei man da mit meinem Papa gut drüber diskutieren könnte. Der war vor Jahrzehnten mal öfters in München und Umland auf Montage und hatte das, was sie in den Wirtschaften als Starkbier verkaufen, als besseres Spülwasser bezeichnet - einmal auf Klo und du warst wieder nüchtern. Wollten die Leute ihm nicht glauben. Einmal hat er dann zwei Kisten Flensburger Pilsener mitgebracht und die haben nicht mal eine Kiste gebraucht, damit die Bayern da schachmatt und besoffen in der Ecke lagen. :D

(Und nein, ich selbst trinke keinen Alkohol oder mach sonst sowas.)
 
Zuletzt bearbeitet:
Falls sich übrigens jemand noch fragen sollte, warum rein europäische und gerne auch quelloffene und/oder freie Lösungen gerade immer wichtiger werden und selbst eine Microsoft-Community wie die unsere nicht mehr so wirklich Bock auf maximale Big Tech hat... DAS ist unter anderem in abgewandelter Form auch mit dem Cloud Act gemeint.

 
Die Sichtweise des Bundes der Steuerzahler
Dataport ist in Vorleistung getreten, hat Entwicklungsarbeit geleistet. Die Entwicklung ist in ein neues Programm eingeflossen, aber es ist nicht bezahlt worden. Dabei muss der, der es entwickelt, es auch bezahlt bekommen", so der Bund der Steuerzahler.
 
Interessant, auf der verlinkte Website heißt es "IT-Dienstleister Dataport macht 90 Millionen Euro Verlust", das klingt ganz anders als "in den Sand gesetzt", auch angesichts der wohlwollenden Aussage des Steuerzahlerbundes.
 
Ich würde bei beiden Organisationen, Bund der Steuerzahler und (Bundes-)Rechnungshof, immer etwas Vorsicht walten lassen, denn da müsste man immer auch die Beziehungen und Bekanntschaften der Beteiligten mitprüfen.

Bei Rechnungshöfen sitzen nicht immer Experten, sondern ehemalige Politiker, die von den jeweiligen Regierungen vorgeschlagen werden. Deren Unabhängigkeit ist also formeller Natur, nur auf dem Papier gesichert. Beim Bund der Steuerzahler handelt es sich auch nur um einen Verein, der sich für überparteilich erklärt, aber auch das ist Strategie von Lobbygruppen seit dem Kaiserreich.

Letztlich spricht aber nichts dagegen, Verschwendung und fehlgeleitete Finanzierung zu kritisieren, aber oft wurde auch eine Sparpolitik gefordert, die gerade verantwortlich war für politische Untätigkeit.
 
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