Am Puls von Microsoft

Kommentar: Die Browser Choice Alliance sollte Microsoft als Mitglied aufnehmen

DrWindows

Redaktion
Kommentar: Die Browser Choice Alliance sollte Microsoft als Mitglied aufnehmen
von Martin Geuß
Das Logo der Browser Choice Alliance in Google-Farben


Die Browser Choice Alliance (BCA) ist ein Zusammenschluss mehrerer Browser-Entwickler. Das angebliche Ziel ist es, die freie Entscheidung der Internetnutzer für den Browser ihrer Wahl zu unterstützen. Wenn diese Allianz glaubwürdig(er) werden möchte, sollte sie Microsoft als Mitglied aufnehmen und ihr prominentestes Mitglied rauswerfen. Klingt paradox, ist aber so.

Die BCA hat sechs Mitglieder. Die ersten fünf sind Opera, Vivaldi, Midori, Wavebox und BrowserWorks. Wenn Ihr zwei davon kennt, seid Ihr schon gut. Bei drei oder mehr Treffern dürft Ihr Euch schon fast Experten nennen. Das ist nicht despektierlich gemeint. Eine solche Vereinigung dient schließlich genau dem Zweck, die Schwachen und Unbekannten zu repräsentieren und zu stärken.

Damit kommen wir zum sechsten Mitglied: Dieses hört auf den Namen Google. Deren Browser heißt Chrome. Vielleicht habt Ihr davon schon mal gehört.

Verbunden mit der Information, dass sich die Browser Choice Alliance seit ihrer Gründung vor etwa zwei Jahren noch nie für die freie Browserwahl auf mobilen Plattformen eingesetzt hat, weiß man damit schon alles, was man wissen muss.

Das einzige Angriffsziel der BCA ist Microsoft und Windows. In schöner Regelmäßigkeit schießt man gegen die Methoden, mit denen Microsoft versucht, die Nutzung von Edge unter Windows zu forcieren. In der vergangenen Woche erschien auf der Webseite der BCA ein offener Brief an Satya Nadella, der erfreulich wenig mediale Aufmerksamkeit erregte. Nicht, weil die darin erhobenen Vorwürfe falsch wären, sondern weil die Motive so leicht durchschaubar sind.

Die Vorwürfe​


„Genug ist genug“ lautet die Überschrift des Schreibens. Es führt die Methoden auf, mit denen Microsoft die freie Browserwahl unter Windows erschwert und die Konkurrenz benachteiligt:

  • Vergünstigungen für PC-Hersteller, um die Vorinstallation alternativer Browser zu verhindern.
  • Verhinderung der Deinstallation von Microsoft Edge.
  • Einblendung von verwirrenden und aufdringlichen Benachrichtigungen, wenn Nutzer versuchen, mit Edge einen anderen Browser herunterzuladen.
  • Missbrauch von Systemupdates und Verwendung manipulativer Dialoge, um Edge wieder zum Standardbrowser zu machen.
  • Ignorieren von Standardbrowser-Einstellungen in Outlook und Teams.
  • Hartcodierte Verbindungen zu Microsoft Edge über die Widgets und die Windows-Suche.
  • Blockierung der Funktion, alternative Browser mit einem Klick zum Standardbrowser zu machen.

In der EU hat Microsoft mehrere dieser Praktiken dank des Digital Markets Act bereits eingestellt und nachgebessert. Ich unterstütze die Forderungen, das weltweit umzusetzen, mit jedem Wort. Alles, was da aufgezählt ist, sollte nicht so sein.

Die Realität​


In der Realität haben die Windows-Nutzer allerdings bereits bewiesen, dass Microsofts Maßnahmen ins Leere laufen. Derzeit bewegen sich die Marktanteile von Microsoft Edge im einstelligen Bereich. Mit kleineren Aufs und Abs ist dieser Wert seit mehreren Jahren stabil. Das dürften in der Hauptsache Business-Nutzer sein, die ohnehin keine Wahl haben, weil die Firma den Standardbrowser vorgibt.

Daraus lässt sich einigermaßen leicht ableiten: Bei den Privatnutzern ist Microsoft Edge praktisch bedeutungslos. So offensiv und übergriffig Microsoft auch agieren mag – die Leute wissen, wie man zu einem anderen Browser wechselt, und sie tun es mehr oder weniger ausnahmslos.

Wem nützt es?​


Unterstellen wir einfach mal, dass Edge nur aufgrund Microsofts fieser Machenschaften überhaupt noch ein paar Rest-Nutzer hat. Wem würde es dann helfen, wenn diese Maßnahmen wegfielen?

Aktuell hält Google auf dem Desktop einen Anteil von 75 Prozent. Dabei ist macOS schon eingerechnet, wo Apples Safari einen starken Stand hat. Unter Windows ist die Dominanz von Chrome höchstwahrscheinlich noch deutlich erdrückender.

Angesichts des Quasi-Monopols von Google als Suchmaschine würde insbesondere die Rückkehr der Möglichkeit, mit einem Klick den Standardbrowser zu ändern, vorhersehbar dazu führen, dass die Anteile von Chrome noch weiter steigen. Als ob das wirklich nötig wäre.

Die Browser Choice Alliance ist ein PR-Stunt von Google​


Mozilla, die mit Firefox den einzigen Browser stellen, der neben Chrome und Edge noch ein wenig Relevanz unter Windows hat, ist kein Mitglied der BCA. Vielleicht, weil das führende Mitglied sie nicht mitspielen lässt? Vielleicht, weil Mozilla sich nicht vor den Karren spannen lassen möchte, weil es Google am Ende gar nicht um „Choice“, sondern das genaue Gegenteil geht?

Unter dem Strich kann man feststellen: Der unangefochtene Marktführer ist auch gleichzeitig Anführer einer Allianz, deren erklärtes Ziel es ist, den einzigen Gegner zu schwächen, der dem Marktführer überhaupt Ärger bereiten kann.

Microsoft wäre ein glaubwürdigeres Mitglied einer Vereinigung, die sich plattformübergreifend für eine echte, freie Browserwahl einsetzt und gegen den eigentlichen Monopolisten kämpft. Das stimmt selbstverständlich nur in der Theorie. In der Praxis würde Microsoft ebenso nur die eigenen Ziele verfolgen, wie Google das tut.

Wichtig ist nur, dass man die Browser Choice Alliance gedanklich als das abspeichert, was sie ist: ein gut gemachter PR-Stunt von Google.

Der Beitrag Kommentar: Die Browser Choice Alliance sollte Microsoft als Mitglied aufnehmen erschien zuerst auf Dr. Windows.


Hinweis: Der Artikel wird möglicherweise nicht vollständig angezeigt, eingebettete Medien sind in dieser Vorschau beispielsweise nicht zu sehen.

Artikel im Blog lesen
 
Bin ich also ein Nerd, wenn ich außer Wavebox tatsächlich alle kenne? :p

Browserworks ist das kleine Unternehmen von Alex Kontos hinter Waterfox und Midori kenne ich in seiner ganz alten Form, wie er noch auf WebKit basierte, schon seit über 20 Jahren. Mittlerweile basiert er ja auf Gecko. Und der Rest sind mit Chrome, Vivaldi und Opera halt alte Hüte.
 
Grundlegend sehe ich aktuell eher das Problem, dass Google vieles vorgibt und sich die User dem beugen müssen, was Google für richtig für sich und seine Geschäfte hält. So zum Beispiel das Manifest, wo Werbeblocker aus den Browsern ausgesperrt werden sollen. Zudem gibt es Seiten, die kann man fast nur mit einem Browser aufrufen, der einen Google-Unterbau hat. Firefox versagt da teils den Dienst.
Aus meiner Sicht sind wir momentan weiter entfernt von einer fairen und freien Browaser-Wahl, als wie der IE von MS das Internet noch dominiert hat.
 
Es müssen ja nicht alle zu Gecko wechseln. Aber ein faires und für alle Browser offenes Internet wäre wünschenswert. Zudem sollten auch Werbeblocker und Co. nicht einfach so ausgegrenzt werden können, nur damit Google noch mehr Geld über Werbung generiert. Die spähen uns schon genug aus. Oder warum sollte man sonst für die Nutzung einer App auf dem Smartphone für eine Waage die Standortbestimmung benötigen ...
 
Es müssen ja nicht alle zu Gecko wechseln. Aber ein faires und für alle Browser offenes Internet wäre wünschenswert.
Das Problem ist weniger, dass es keine anderen Engines mehr gäbe, sie spielen nur abgesehen von Blink und Gecko und in deutlich abgespecktem Maße WebKit2 schlicht keine Rolle, die ihnen genug Gewicht geben würde. Typische andere Engines wären zum Beispiel noch Dillo, Servo, Goanna und Ladybird. Da ist also noch genug Raum im Kessel. Worüber man allerdings reden müsste, wäre, dass alle drei großen Engines auch auf allen großen Plattformen angeboten werden müssen. Dafür müsste man aber Apple zwingen, Safari als Referenzimplementierung für WebKit2 wieder zu Windows zu bringen oder die Engine zumindest soweit auf Vordermann zu bringen, dass Epiphany bzw. Gnome Web für Windows erscheinen könnte.

Das eigentliche Kernproblem ist aber, dass Chromium auch im Backend zum Industriestandard geworden ist, weil die JavaScript-Frameworks auf Node.js und damit v8 als JavaScript-Engine angewiesen sind. SpiderMonkey und Nitro von Mozilla bzw. Apple gleichen sich daran an.

Das Ironische ist daran, dass Google für diese Misere der falsche Ansprechpartner ist und die mit Angular auch nur Kunde im eigenen Haus sind. Die Kontrolle über Node.js gebührt dem Unternehmen, über das wir uns hier in schöner Regelmäßigkeit auslassen - Microsoft und Meta, um genau zu sein. Warum? Weil Microsoft den Paketmanager NPM und die NPM Registry kontrolliert, nachdem NPM 2020 übernommen und in GitHub damals eingegliedert wurde. Generell hat Microsoft sowieso sehr viel mehr Einfluss auf Chromium, als viele meinen, weil sie zusammen mit Meta, Amazon, Intel und einigen anderen hinter der Steuerungsgruppe von Chromium unter dem Dach der Linux Foundation stecken, die auch zentrale Koordinationsaufgaben übernimmt. Google kann schon lange nicht mehr so frei schalten und walten, wie sie gerne würden.

Unabhängig davon ist Microsofts Kontrolle über NPM halt auch der Grund, weswegen ich mich momentan - neben GitHub und der Keilerei mit den Sicherheitsforschern - so unheimlich über die Redmonder aufregen kann, weil sie die mindestens seit September 2025 andauernden Lieferkettenangriffe von TeamPCP nicht unter Kontrolle kriegen. Die sitzen wirklich an einer Schlüsselposition, wo im Grunde ein Großteil aller Apps, die mit dem Chromium Embedded Framework, Electron, React Native oder vergleichbaren Toolkits geschrieben wurden, zu potenziellen Angriffszielen gehören. Das bringt extrem viele Nutzer in Gefahr und man hat das Gefühl, in Redmond sitzen sie das in ihrem KI-Dusel mehr oder weniger aus...
 
Oben