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Meinung: Wir brauchen viel mehr DRM-Katastrophen

Meinung: Wir brauchen viel mehr DRM-Katastrophen

Grundsätzlich ärgere ich mich über Nachrichten, deren Überschriften irreführend oder gar tatsächlich falsch sind, nur um den Nutzer zum Klick zu animieren. Oft verbreiten sich dadurch Halb- oder Unwahrheiten, weil ja sehr viele Leute nur noch die Überschrift lesen und sich den Rest denken.

Die Überschriften wie „Microsoft schaltet Server ab – eBooks funktionieren nicht mehr“ hätten mich daher auch ärgern müssen. Inhaltlich ist das vollkommen korrekt, wenn man aber weiß, dass dies keinen einzigen deutschen Kunden betrifft, weil Microsoft hierzulande gar keine eBooks über den Store verkauft hat, dann ist es zumindest schon mal halb so interessant. Und wenn man außerdem weiß, dass Microsoft allen Kunden, welche die nun nicht mehr funktionierenden eBooks erworben haben, den vollen Kaufpreis erstattet, dann bleibt von der vermeintlichen Breaking News beinahe nichts mehr übrig, was erwähnenswert wäre.

Mich haben diese irreführenden Überschriften aber gefreut. Sie haben nämlich, so konnte ich das in diversen Kommentarspalten sowie in Diskussionen auf Facebook und Twitter mitlesen, die Diskussion über den Kauf digitaler Güter befeuert, und das ist eine gute Sache. Da besteht nämlich Nachholbedarf.

Ich bin kein grundsätzlicher Gegner des Digital Rights Management, kurz DRM. Es ist für bestimmte Angebote ein wichtiges Werkzeug. Wenn ein Anbieter digitale Inhalte zeitlich befristet anbietet, dann muss ja irgendwie sichergestellt werden, dass nach Ablauf des bezahlten Zeitraums keine Nutzung mehr möglich ist.

Ich lehne DRM aber grundsätzlich überall ab, wo etwas „verkauft“ wird, zum Beispiel bei Büchern oder Filmen. Ich setze „verkauft“ bewusst in Anführungszeichen, weil es gar keinen Verkauf gibt. Es ist immer eine Miete, ein befristetes Nutzungsrecht mit unbekanntem Verfallsdatum. Irgendwann, früher oder später, werde ich das Buch oder den Film nicht mehr nutzen können.

Ich habe den Eindruck, das ist vielen Menschen nicht so wirklich bewusst oder sie nehmen es nicht ernst genug. Und darum brauchen wir mehr und echte Katastrophen, die Geschichte mit den eBooks aus dem Microsoft Store ist ja keine, denn es kam effektiv niemand zu Schaden.

Bücher oder Filme sind für mich schon immer „Anschaffungen fürs Leben“ gewesen, so ist das nach wie vor. Ich habe einige Filme digital gekauft, bis mir bewusst wurde, welches Risiko ich damit eingehe, und dann habe ich ganz schnell wieder damit aufgehört.

Dem Disney-Manager Peter Lee wird das Zitat nachgesagt: „Wenn die Kunden wissen, dass DRM existiert, oder wenn sie gar verstehen, wie es funktioniert, dann haben wir versagt.“ Das Misstrauen gegen die Industrie ist also durchaus gerechtfertigt. Da jede Firma gerne zufriedene Kunden hat, ist deren „böser Wille“ aber nicht die eigentliche Gefahr. Was aber, wenn ein Unternehmen pleite geht oder ein Rechteinhaber seine Lizenzen zurück zieht? Dann steht man schnell mit einer wertlosen Datei da.

Wenn man außerdem sieht, was aktuell in der Welt los ist und wie radikale Strömungen zunehmen, kommt noch eine andere Gefahr ins Spiel. Stellt euch nur mal vor, es hätte 1933 schon DRM gegeben. Niemand hätte irgendwelche Bücher verbrennen müssen – ein Klick auf dem Server, und niemand liest mehr, was nicht gelesen werden soll.

Konsequenterweise müsste dieser Beitrag mit einem Boykottaufruf enden, aber ich bin Realist genug, um zu wissen, dass mein Gedanke gar nicht zu Ende gedacht werden kann. Man dürfte dann auch keine Spiele digital kaufen, und selbst ein Bluray-Film kann so verdongelt werden, dass man ihn nur nach den Regeln des Verkäufers abspielen kann. Ich muss euch daher leider so hilflos zurücklassen, wie ich mich selbst bei dem Thema fühle. Natürlich gibt es Mittel und Wege, den DRM-Schutz zu entfernen und das als digitale Notwehr zu deklarieren, aber das kann doch auch nicht die Lösung sein. Ich verzichte daher weiterhin auf den „Kauf“ von DRM-geschützten Medien, wo ich nur kann.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zuhause. Seit 15 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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