Windows 10 AME: Der nächste Kandidat für Microsofts Anwälte?

Windows 10 AME: Der nächste Kandidat für Microsofts Anwälte?

Wenn es um die Wahrung der eigenen Urheberrechte an Windows geht, verstand Microsoft schon immer keinen Spaß und setzt seine eigene Rechtsabteilung auf die entsprechenden Sünder an. Zwar kann jeder mit entsprechenden Werkzeugen angepasste ISO-Dateien für seinen privaten Gebrauch erstellen, aber wird diese „Windows-Distribution“ auch noch mit der Öffentlichkeit geteilt und vielleicht sogar als OpenSource-Projekt entwickelt, kann es für den Betreiber schnell eng werden. Das jüngste Beispiel für eine solche Entwicklung war Ninjutsu OS, welches von Microsoft wegen verschiedener Vergehen mit einem DMCA Takedown weggefegt wurde und aktuell nur im privateren Umfeld des Entwicklers existiert.

Momentan schlägt mit Windows 10 Ameliorated eine andere „Windows-Distribution“ relativ hohe Wellen im Netz, nachdem mit Linus Tech Tips einer der größten Tech-YouTuber aus Kanada vor etwa einer Woche ein entsprechendes Video hierzu gemacht hat. Der Ansatz hinter Windows 10 AME, welches nach Aussage der Entwickler ausschließlich für Bildungszwecke gedacht ist, ist denkbar einfach: Weil Microsoft mit Windows 10 ein Betriebssystem veröffentlicht habe, das in erster Linie zum Ausspionieren der Nutzer geeignet ist, wurde ein pragmatischer und ethisch vertretbarer Ansatz gewählt, um die Leute, die trotzdem ein natives Windows 10 brauchen, mit einer sicheren und stabilen Arbeitsumgebung zu unterstützen.

Die Entwickler wählen dabei einen noch radikaleren Ansatz als Ninjutsu OS und haben vor allem Windows Update auf einem Executable-level komplett aus dem System entfernt und gelöscht, weil es aufgrund seiner Möglichkeit, Windows 10 zu patchen, als universelle Backdoor gesehen wird. Entsprechend können Sicherheitsupdates und Bugfixes mehr oder weniger nur durch einen Clean Install eingespielt werden und zahlreiche andere Funktionen wie DirectX 12 sind de facto nutzlos und unbrauchbar gemacht worden. Daneben wurden sämtliche .appx-Komponenten sowie diverse Core-Apps wie Cortana, Microsoft Edge oder der Windows Media Player aus dem System entfernt und sollen durch die Integration quelloffener Anwendungen wie Firefox und Thunderbird kompensiert werden. Windows 10 AME basiert außerdem rudimentär auf Windows 10 Pro N und wurde mit einem generischen Key auch nur rudimentär aktiviert.

Was ist also von Windows 10 AME zu halten?

Zwei Sachen müssen Leuten, die sich mit Windows 10 AME beschäftigen, sofort klar sein. Erstens: Windows 10 AME ist genau wie Ninjutsu OS ein heißer Kandidat für einen kommenden DMCA Takedown durch Microsoft, denn viele der Punkte, die bei Ninjutsu OS der Grund hierfür waren, treffen erst recht auch hier zu. Zweitens: Selbst wenn man die rechtlichen Aspekte mal kurz außer Acht lässt, ist die vollständige Eliminierung von Windows Update ein gewaltiges Sicherheitsproblem. Ganz abgesehen davon sind diverse Anwendungen wie die Adobe Creative Cloud, die auch von Linux Tech Tips als Beispiel herangezogen wurde, aufgrund diverser Besonderheiten unter Windows 10 AME sowieso nicht nutzbar.

Die Empfehlung kann also nur lauten: Finger weg von diesem Projekt. Es gibt legal die Möglichkeit, für den privaten Gebrauch angepasste ISO-Dateien von Windows 10 zu erstellen, die auch nicht in Sicherheitsfragen entsprechende Probleme verursachen und benutzbar bleiben, und wer wirklich Datenschutz und Privatsphäre eine deutlich höhere Priorität einräumt, dürfte zumindest parallel auch eine der großen Linux-Distributionen im Einsatz haben, wo es in den vergangenen Jahren in vielen Bereichen auch große Fortschritte gegeben hat.

Wer das Video von Linus Tech Tips selbst noch einmal sehen will, findet es am Ende des Beitrags verlinkt.

Über den Autor
Kevin Kozuszek
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Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden, daneben schlägt mein Herz aber auch für die OpenSource-Welt, wo mein besonderes Interesse der Mozilla Foundation gilt. Wenn ich mich mal nicht mit Technik beschäftige, tauche ich gerne in die japanische Kultur mit all ihren Facetten ab oder widme mich einem meiner zahlreichen anderen Hobbies.

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Kommentare

  1. Wer irgendwas installiert, das im Namen eine Kombination aus "Windows" und "ME" hat, der ist eh belehrungsresistent. Kevin, spar Dir die Buchstaben :-D
    Der Witz ist sowieso, dass das durch die Linux-Community aktuell ziemlich gepusht wird. Chris Titus Tech, einer der größeren Vertreter seiner Zunft, hatte vor 7 Monaten schon mal einen Livestream zu Windows 10 AME gemacht, und ich habe auch Reddit-Posts aus 2019 gefunden, wie ich das gestern Abend nochmal recherchiert hatte. Aber erst nach dem Video von Linus hebt das richtig ab. Ich bin selbst über den Linux-YouTuber Brodie Robertson drüber gestolpert, aber auch andere wie Wolfgang's Channel haben das aufgegriffen.
    So oder so: Ich hab das vor allem vor dem Hintergrund von Ninjutsu OS nochmal aufgegriffen. Und gerade, weil Windows Update nahezu komplett aus dem Image verblasen wurde, macht die Nutzung dieses Respins - oder wie immer man es nennen will - ja schon zum Risiko.
    Wer Windows-Iso-Dateien oder Teile davon mit Änderungen zum Download anbietet, muß eben mit den Konsequenzen leben. Gibt dutzende weitere Projekte, die es richtig machen und nur die Scripte oder ein Programm zum Ändern anbieten. Stichworte: NTlite, PEBuilder.
    Hier ist eben jemand auf maximale Aufmerksamkeit und weite Verbreitung aus, dann trifft eben das Schwert von Microsoft. Daß man mit dem Anbieten von Scripten nicht weit kommt, weil man die Laien nicht erreicht, steht auf einem anderen Blatt.
    Es gefällt sicherlich vielen Rittern aus dem Open-Source-Bereich nicht, aber die Lizenz von Windows gestattet eben keine Änderungen durch Dritte. Kann man blöd finden, rechtfertigt aber nicht die Selbstjustiz.
    @build10240
    "Wer Windows-Iso-Dateien oder Teile davon mit Änderungen zum Download anbietet, muß eben mit den Konsequenzen leben. Gibt dutzende weitere Projekte, die es richtig machen und nur die Scripte oder ein Programm zum Ändern anbieten. Stichworte: NTlite, PEBuilder."
    Richtig, deswegen bietet er die Skripte zum selber machen auch direkt auf seiner Homepage an inkl. detaillierter Anleitung.
    Interessantes Konzept. Updates gar nicht installieren zu können ist natürlich etwas blöd.
    Wenn Microsoft die gewünschten Optionen einbauen würde, würde der Bedarf nach sowas gar nicht erst entstehen.
    Wer Windows-Update-lose Windows-Installationen nutzt, ist vermtl. auch Maskenverweigerer und stört sich null, welche Viren er in die Welt schleudert...
    Derartige Projekte sind doch sowieso nur etwas für Freaks. Wer das in seiner Firma einsetzt, dürfte schnell mit der Realität kollidieren. Von sicher kann man bei einem derart zerlegten Windows selbst abseits der Updateproblematik kaum noch sprechen. Bei allen Fähigkeiten der Ersteller, fehlen ihnen einfach die Detailkenntnisse zu Windows. Daß man derart weitreichende Eingriffe nach jedem kleinen Update für Windows erneut anpassen muß, kommt noch hinzu. Das ganze ist doch maximal unpraktisch.
    Nussi
    Richtig, deswegen bietet er die Skripte zum selber machen auch direkt auf seiner Homepage an inkl. detaillierter Anleitung.
    Offenbar nicht nur, sonst würde Microsoft nicht dagegen vorgehen. Zumindest dürfte irgendetwas geschütztes in den Downloads enthalten sein. Ist ja auch verständlich, denn mit nur Skripten oder anderem zum Selbsermachen erregt man nicht die nötige Aufmerksamkeit. Sieht man an NTlite und PEBuilder, die so in Nerdistan dahindümpeln.
    Das Experimentieren zu verteufeln, weil jemand nebst Scripten und Beschreibung auch eine ISO bereitstellt und obendrein die (Achtung, Ironie) perfekt funktionierende Update-Funktion optional deaktiviert war wohl hoffentlich nicht die Intention dieses Artikels. Wie Ninjutsu, NTline, PEBuilder etc. beschäftigen sich offenbar viele Menschen damit, einem Windows ungewünschte Dinge auszutreiben. Zudem kann man Anhand der Scripte und Ergebnisse nachvollziehen, worauf sich welche Komponenten auswirken und wie tief u.A. steinalte Bestandteile verankert sind.
    Microsoft könnte mit "Opt in" und optionalen Komponenten abseits essentieller Dinge dem Treiben schnell ein Ende setzen.
    Experimentieren
    Eben. Es ist experimentieren, von Leuten, die die Tragweite ihrer Experimente gar nicht fassen können, weil sie Windows nicht so verstehen wie diejenigen, die es programmiert haben.
    Wie Ninjutsu, NTline, PEBuilder etc. beschäftigen sich offenbar viele Menschen damit, einem Windows ungewünschte Dinge auszutreiben.
    Liegt vielleicht an der Blase, aber es sind nicht offenbar viele Menschen, sondern eher wenige. Wie hier schon angemerkt wurde, geht's da eher um Selbstvermarktung und die Hoffnung auf Jobangebote als um Idealismus.
    Zudem kann man Anhand der Scripte und Ergebnisse nachvollziehen, worauf sich welche Komponenten auswirken und wie tief u.A. steinalte Bestandteile verankert sind.
    Man kratzt an der Oberfläche und bildet sich etwas auf die Kenntnisse ein, mehr aber auch nicht.
    Microsoft könnte mit "Opt in" und optionalen Komponenten abseits essentieller Dinge dem Treiben schnell ein Ende setzen.
    Die üblichen Verdächtigen könnten auch endlich einfach Linux benutzen, statt trotzig Windows hemdsärmelig zu manipulieren und sich zwecks Aufmerksamkeit jenseits der Gesetze zu bewegen.
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