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Die Zukunft von Windows: Es geht um die bestmögliche Interaktion

Seit gestern wird in der Gerüchteküche wieder heftig geklappert, was Windows 9 alias Threshold angeht. Wenn das passiert, dann ist man geneigt, schnellstmöglich alle verfügbaren Schnipsel in einen Artikel zu gießen, um auch ja ganz vorne mit dabei zu sein. Wie Ihr sicher bemerkt habt, habe ich das nicht getan. Nicht weil es mir entgangen wäre oder ich keine Zeit hatte, sondern weil ich einfach mal abwarten wollte, was so alles geschrieben wird. Ich habe zur Zukunft von Windows nämlich meine ganz eigene Vision, und ich sehe sie durch die neuerlichen Gerüchte bestätigt. Dummerweise beschäftigt sich die Berichterstattung aber nicht mit dem großen Ganzen, sondern hält sich mit den üblichen Spekulationen und Interpretationen auf.

Darf ich Euch auf eine kleine Gedankenreise einladen? Das wird allerdings einen Moment dauern, denn ich fürchte, das hier wird ein wenig länger…

Schauen wir zunächst mal in Kurzform auf das, was seit gestern durchs Netz wabert:

  • Windows 9 alias Threshold wird den Fokus auf den Desktop legen und die Modern UI abschaltbar machen
  • Windows 9 könnte für alle Windows 7 Nutzer als kostenloses Update verteilt werden
  • Windows RT und Windows Phone sollen verschmelzen
  • Das touchoptimierte Office wird zusammen mit Threshold veröffentlicht

In vielen Artikeln dazu fehlt in der Überschrift etwas ganz Wichtiges: Das Fragezeichen!
Es ist ja immer wieder spannend, über Gerüchte zu reden, nur sollte man das halt immer so kennzeichnen. Warum Gerüchte zu Tatsachen umformulieren und jede noch so dünne Quelle zum bestens informierten Insider hochstilisieren? Die Leute stürzen sich doch sowieso auf die Story, da muss man nicht so tun, als wüsste man etwas, was derzeit noch niemand wissen kann. Egal, wie “echt” Euch die Berichte der letzten Tage vor kamen, sie haben eine Gemeinsamkeit: Sie können stimmen, aber auch komplett falsch sein. So lange Microsoft nichts Offizielles verkündet, bleibt alles Spekulation.

Nun aber endlich wie versprochen zu meiner persönlichen Vorstellung, wo die Windows-Reise hin geht und wo sie hin gehen sollte. Ich schreibe jetzt einfach mal so, als würde das alles genau so kommen, weil das einfacher von der Hand geht, aber auch ich weiß zum aktuellen Stand nichts.

Die Gedanken sind nicht neu, ich trage sie schon länger mit mir herum – und ich will damit auch nicht oberschlau wirken, im Gegenteil: Wer die Windows-Entwicklung ein wenig verfolgt, für den klingt das vielleicht alles ganz normal.

“Ein Windows” bleibt das Ziel
Ein Windows für alle Geräte – diese Vision hat Microsoft auf der Build verkündet, und bei dieser Vision wird es auch bleiben. Die Reise hat mit Windows 8 und Windows Phone 8 ihren Anfang genommen und wird nun konsequent fortgeführt, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Man wird das nicht mehr unbedingt auf den ersten Blick erkennen.

Es geht nämlich in erster Linie um den technischen Unterbau. Eine einheitliche Basis, auf der Apps laufen können, ein einheitliches Treibermodell, um jede Art von Hardware mit jedem Windows-Gerät zu koppeln, und um einheitliche APIs, an die Entwickler andocken – natürlich je nach Art des Geräts in unterschiedlicher Komplexität.

Das war von Anfang an das Ziel, nur hatte das Konzept einen entscheidenden Fehler, das darf man auch als Fan von Windows 8.0 inzwischen offen sagen: Man wollte mit dem einheitlichen Windows auch eine einheitliche Bedienung einführen, und das konnte nur schief gehen. Man konnte auch mit Windows 8.0 wunderbar produktiv und schneller arbeiten als mit Windows 7, dafür musste man aber an vielen Stellen ein neues Bedienkonzept adaptieren. Es sind aber nun mal nicht alle Menschen gleich, und darum wird die Strategie vom Einheits-Windows nun in einem entscheidenden Punkt überarbeitet: Aus “Ein Windows für alle Geräte” wird: “Ein Windows für alle Geräte, mit der bestmöglichen Interaktion”.

Dazu gehört, dass man die Bedienung konsequent an die jeweilige Umgebung anpasst. Ich bin überzeugt, dass man Windows 9 (oder wie auch immer es heißen wird) an einem klassischen Desktop-PC mit Maus und Tastatur bedienen kann, ohne dabei mit Elementen in Berührung zu kommen, die eigentlich für die Touch-Welt vorgesehen sind. Von einer “Deaktivierung” der ModernUI zu sprechen, ist mir aber zu einfach, denn das wird nicht passieren. Es wird auch weiterhin möglich sein, Apps aus dem Store zu nutzen und diese neben Desktop-Anwendungen auf dem Monitor anzupinnen. Wehe, wenn nicht!

Natürlich zielen diese Anpassungen darauf, Windows 7 Nutzer zu überzeugen und sie auf die Reise in die neue Welt von Microsoft mitzunehmen, von einem Rückschritt oder einer Kehrtwende würde ich dann aber dennoch nicht sprechen wollen. Eher von einer Weiterentwicklung, die versucht, allen Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Und die natürlich auch Fehler der Vergangenheit offen eingesteht und korrigiert.

Darum erwarte ich mir für Hybrid-Geräte und Touch-Notebooks eigentlich die spannendsten Neuerungen: Hier gilt es nämlich, einen nahtlosen Übergang zwischen einer Maus-/Tastatur-Oberfläche und der Touch-Bedienung zu schaffen. Und damit meine ich nicht nur das Betriebssystem selbst. Für die nicht allzu ferne Zukunft erwarte ich von der von mir verwendeten Software, dass sie sich ganz automatisch an die von mir bevorzugte Eingabemethode anpasst, und das im laufenden Betrieb. Nutze ich meinen Hybriden als Tablet und docke die Tastatur an, verwandelt sich augenblicklich die Oberfläche. Genau so will ich das haben!
Klingt nach einem sportlichen Ansatz und das ist es auch, aber nur so kann das in Zukunft funktionieren.

Die Touch-Bedienung aus dem klassischen Windows ganz heraus zu halten, wie sich nicht Wenige es wünschen, wäre ein großer Fehler. Denn auch wenn es heute viele Nutzer gibt, die sich mit Touch nicht anfreunden können: Es wächst eine neue Generation von Nutzern nach, für die Touch eine natürliche und selbstverständliche Eingabemethode ist. Und darauf muss man vorbereitet sein. Sonst läuft man Gefahr, die “alten” User noch ein paar Jahre glücklich zu machen und dann vor dem Nichts zu stehen.

Windows RT und Windows Phone – wächst zusammen, was zusammen gehört?
Wer Windows RT als Rohrkrepierer bezeichnet, wird wenig Widerspruch erfahren. Kommerziell erfolglos, war es meiner Meinung nach dennoch das wichtigste Windows der letzten zehn Jahre. Denn hätte Microsoft seinem langjährigen Partner Intel durch die Präsentation von “Windows in ARM” nicht offen mit Scheidung gedroht, hätte sich Intel niemals so schnell bewegt, wie sie es anschließend getan haben. Wer also heute ein schickes x86-Tablet mit Windows 8 sein Eigen nennt, sollte nicht vergessen, sich bei Microsoft für Windows RT zu bedanken – das Eine wäre ohne das Andere nicht möglich gewesen.

Einen entscheidenden Fehler hat Windows RT dann aber doch: Es ist nämlich nicht zu wenig Windows drin, wie das häufig behauptet wird, sondern viel zu viel. Desktop, Systemsteuerung und so weiter – was um alles in der Welt hat das auf einem kleinformatigen Tablet verloren? Das muss Alles verschwinden, und ich glaube und hoffe, dass das mit Threshold auch der Fall sein wird. Die Oberflächen von Windows Phone und dem, was heute als Windows RT bekannt ist, sollen und müssen verschmelzen. In diesen Zusammenschluss wird letztlich mehr RT als Phone einfließen, allerdings wiederum nicht an der Oberfläche, sondern eher unter der Haube.

Vordergründig und vereinfacht ausgedrückt wird das passieren, von dem alle Welt sagt, dass es von Anfang an hätte so sein müssen: Desktop-Systeme werden wieder den Schwerpunkt auf konventionelle Bedienung legen, und es wird eine deutliche Abgrenzung zwischen Desktop und Notebook einerseits und Tablet und Smartphone andererseits geben. Und ich kann mir schon ausmalen, wie das allgemein aufgenommen wird: Microsoft sieht sein Scheitern ein, vollführt eine Rolle rückwärts und macht es nun doch so wie die anderen auch. Kann man so sehen, ein Körnchen Wahrheit steckt wohl auch drin, aber der eigentliche Masterplan bleibt erhalten.
Das ist der entscheidende Punkt, und das wäre nicht möglich gewesen, wenn man das von Anfang so gemacht hätte. Dieser durchaus schmerzhafte Lernprozess kann langfristig zum Wettbewerbsvorteil werden, denn der Microsoft-Ansatz ist zweifellos der sportlichste und der riskanteste, aber auch der fortschrittlichste. Ob er funktioniert, steht aus heutiger Sicht in den Sternen, aber wenn, wird sich Microsoft seine führende Position auch im mobilen Sektor wieder zurück holen. Es ist in der Tat ein Spiel um Alles oder Nichts.

Danke für’s “Zuhören”.
Wenn Du gerade schnell ans Ende geblättert hast, in der Hoffnung, ein leicht verdauliches Fazit zu finden: Tut mir leid, ist nicht möglich. Lies es oder lass es.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als 16 Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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