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Microsofts Lokalisierungs-Katastrophe: Es wird Zeit für eine Kunden-Revolte

Microsofts Lokalisierungs-Katastrophe: Es wird Zeit für eine Kunden-Revolte

Das Weltbild von Microsoft endet an den Außengrenzen der USA. Das ist keine neue Erkenntnis, leidgeprüfte Kunden wissen das schon seit Jahren. Unter dem nun nicht mehr neuen Chef Satya Nadella haben sich viele Dinge geändert, das betrifft auch die Lokalisierung: Sie ist so schlecht wie niemals zuvor und eilt von einem Tiefpunkt zum nächsten.

Produkte und Services werden entweder gar nicht, oder wenn, dann verspätet und schlampig lokalisiert. In neue Apps kann man „reinhören“ oder daran teilnehmen, anstatt sie herunterzuladen, Geld wird gespeichert statt gespart, man könnte hier eine lange Liste der Stilblüten anfertigen. Diese Fehler existierten teils über Wochen und Monate hinweg, ehe sich jemand erbarmte, sie zu korrigieren.

Das Lokalisierungs-Debakel sorgt aber nicht nur für seltsame Übersetzungen, sondern nimmt teilweise komplette Funktionen außer Betrieb, wie unlängst bei den Kontakten in Outlook.com geschehen. Nach wie vor ist das übrigens von Microsoft nicht offiziell als Problem anerkannt. Warum auch – solange keine US-Kunden betroffen sind, ist es unwichtig. Von Produkten wie Bing oder Cortana, bei denen die ausländischen Kunden regelrecht boykottiert werden, wollen wir an dieser Stelle gar nicht erst anfangen.

Die Zukunft: Übersetzung durch Maschinen, Qualitätskontrolle durch Kunden
Wer Hoffnung hat, dass sich daran etwas ändern könnte, den muss ich enttäuschen: Es wird noch schlimmer werden, und das hat Microsoft nun sogar offiziell angekündigt. Wie immer, wenn furchtbare Dinge mitgeteilt werden, ist die Botschaft in eine vermeintlich gute Nachricht verpackt.

In der Ankündigung der aktuellen Windows 10 Insider-Build 17074 schreibt Microsoft feierlich, man habe die internationale Anpassung von Windows „neu erfunden“.

Im Detail wird dazu geschrieben, dass bei der Lokalisierung künftig künstliche Intelligenz und Machine Learning zum Einsatz kommen, außerdem werde man das Feedback aus der Sprachen-Community stärker berücksichtigen.

Lasst es mich etwas verständlicher ausdrücken: Künftig werden die englischen Original-Phrasen durch Volltext-Übersetzer gejagt und das Ergebnis wird den Kunden vor die Füße geworfen. Wenn gravierende Fehler drin sind, werden sie sich schon melden.

Man könnte es auch als Outsourcing bezeichnen. Ratet mal, wie viele Leute bei Microsoft Deutschland an der Lokalisierung von Windows arbeiten, und sei es nur im Rahmen einer Qualitätskontrolle? Richtig, genau Null. Ihr dürft sicher sein, dass die deutschen Mitarbeiter ebenso wütend auf Redmond sind wie wir Kunden. Deren Beschwerden werden allerdings ebenso überhört.

Gegenwind ist die einzige Option

Ich für meinen Teil habe schon vor langer Zeit damit aufgehört, Feedback und Verbesserungsvorschläge zur Übersetzung einzureichen, weil Microsoft es bei diesem Thema einfach nicht verdient hat, dass ich meine Zeit für sie opfere. Sie tun selbst nichts dafür, warum also sollte es ausgerechnet mir am Herzen liegen?

Jeder, der dieses Spiel mitspielt und Feedback zu den Übersetzungen abgibt, macht sich damit zum unentgeltlichen Mitarbeiter von Microsoft und sorgt dafür, dass sie mit ihrer schlampigen und ignoranten Haltung auch noch durchkommen.

Wer wirklich etwas dafür tun will, dass sich an dieser unerträglichen Lage etwas ändert, der muss  Microsoft im Rahmen seiner Möglichkeiten „ärgern“. Man muss ihnen ihren Sprachklumpen bei jeder sich bietenden Möglichkeit um die Ohren hauen, auf Facebook, Twitter, per E-Mail oder wie auch immer. Nur wenn die Sache zur öffentlichen Peinlichkeit wird, besteht überhaupt eine kleine Aussicht, die verantwortlichen Personen jenseits des Ozeans zum Nachdenken zu bringen.

Ob das tatsächlich helfen kann? Keine Ahnung. Was ich dagegen sicher weiß: Wer sich über das Feedback-Programm an den Übersetzungen beteiligt, der sorgt dafür, dass sie in Zukunft noch viel schlechter werden. Lasst das bitte sein. Die sollen ihre Hausaufgaben selbst machen. Die Sprachen-Community sollte beim Feinschliff helfen, aber nicht die Drecksarbeit übernehmen.

Über den Autor

Martin Geuß

Martin Geuß

Ich bin Martin Geuß, und wie unschwer zu erkennen ist, fühle ich mich in der Windows-Welt zu Hause. Seit mehr als zwölf Jahren lasse ich die Welt an dem teilhaben, was mir zu Windows und anderen Microsoft-Produkten durch den Kopf geht, und manchmal ist das sogar interessant. Das wichtigste Motto meiner Arbeit lautet: Von mir - für Euch!

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